Muskateller: ein Sommmerwein par excellence

„Der liebste Buhle, den ich han / der liegt beim Wirt im Keller / er hat ein hölzins Röcklein an / und heißt der Muskateller.“ (Liebeserklärung eines mittelalterlichen Zechers)

Muskateller Gelber_KopieDer Duft ist ziseliert und verheißungsvoll. Die Nase nimmt als Erstes traubige Noten wahr – wie von einer frisch gepflückten und zart gequetschten Beere. Beim zweiten, tieferen Nasenzug künden Aromen à la Orangenschale, etwas Holunderblüte, Honigmelone und grüner Apfel nebst dem vertrauten subtilen Muskat-Hauch plus einer Nuance von Gewürznelke von einem veritablen Hochgewächs. Es ist ein Gelber Muskateller vom Weingut Tinnacher aus der Südsteiermark. Ein verführerisches Bukett entströmt dem - terroirgemäß etwas kapitaler, doch nicht weniger elegant angelegtem - Gelben Muskateller von Emmerich Knoll aus der Wachau, und auch der Lagen-Muskateller Steinbach des steirischen Spitzenwinzers Manfred Tement becirct gleichermaßen Nase wie Gaumen durch seine Finesse. Muskateller dieser Weltklasse sind geborene Sommerweine, sie helfen aus der Winter-Trübnis. Stendhal, der geistreiche Romancier, Essayist und Weinkenner, hat solche Kreszenzen als „Wunder der heiligen Flasche“ gepriesen.

Was für ein schöner Gedanke und wie passend für eine Weißweinsorte, die, gemessen an der Bedeutung von Chardonnay, Riesling und der weitverzweigten Burgunderfamilie, in der Konsumentengunst zwar nur eine bescheidene Rolle spielt, aber dank ihrer erhabenen Individualität groß auftrumpft, wenn es um die Wahl des Weins zu bestimmten Anlässen geht.
Eine Muskateller-Auslese zu einem fruchtigen Dessert oder echtem Bauern-Gorgonzola ist eine von der Natur feinsinnig ausgedachte Genußmarriage. Aber auch die trocken beziehungsweise herb ausgebauten Muskateller, wie sie heute in deutschen, elsässischen, österreichischen und norditalienischen Regionen, Südtirol inklusive, dominieren, gefallen nicht nur als Aperitif, sondern brillieren als Partner von Speisen wie beispielsweise einer Honigmelone mit Schinken.

Der Muskateller:

Gehört zu den ältesten Rebsorten, manchen Forschern gilt er sogar als Ahnherr aller Weinstöcke, der Legende zufolge von Noah in der Arche vor der Sintflut gerettet und am Ararat neu angepflanzt. Von der Ur-Rebsorte stammen mehr als 200 Sorten ab, verbunden durch das köstliche würzige Muskat-Aroma. In ihrer herben Variante besticht die Rebe als Gelber Muskateller durch traubige Duftigkeit und Frucht, edelsüß ist sie ein internationaler Star vom iberischen Moscatel über den Pink oder Black Muscat vom ehemaligen Zarenweingut Massandra auf der Krim und verführerische Trockenbeerenauslesen aus Baden sowie dem Burgenland bis hin zum piemontesischen, schäumenden Moscato d’Asti, dem heißblütigen Nectar aus Samos, dunklen australischen Liqueurs Muscats und den feinsinnigen französischen Süßweinen à la Muscat de Rivesaltes, Muscat de Beaumes-de-Venise, Muscat de Frontignan, gekeltert aus der Muscat blanc, auch Muscat à petits grains genannt.

Die Muskatellerfamilie ist alt und vielfältig verzweigt. Rebenkundler unterscheiden über 200 Arten. Einige Muskatellersorten werden vorzugsweise als Tafeltrauben kultiviert. Als nobelster Sproß gilt der Gelbe Muskateller, in Frankreich als Muscat blanc à petits grains geschätzt. Der Wein besticht durch ein zartes Muskataroma und eine grazile traubige Fruchtigkeit, flankiert von einer feinen Säure. Solche Bilderbuchweine wachsen in der Südsteiermark, beste Adressen sind: Alois Groß, Hannes Harkamp, Manfred Tement, Katharina (Lackner-)Tinnacher, Albert Neumeister, Erwin Sabathi, Willi Sattler, Walter Skoff. In Niederösterreich keltern Winzer wie Emmerich Knoll, F. X. Pichler, Saahs (Nikolaihof), Silke Mayr (Vorspannhof), Franz-Josef Gritsch (Mauritiushof), Stierschneider (Urbanushof) sowie Jurtschitsch (Sonnhof) Muskateller von glasklarer Rasse. Vorzügliche Muskateller bieten auch deutsche Güter wie Andreas Laible, Salwey, die Winzergenossenschaft Achkarren, Graf Adelmann, Müller-Catoir, Dr. Heger. Ungehemmte Finesse verströmen die vielen Muscat-Weine aus Frankreich, ob trocken oder süß angelegt.

Der Muskat-Ottonel:

Über die Herkunft herrscht Unklarheit. Vermutet wird, daß vor über 150 Jahren ein Züchter an der Loire aus einer nicht mehr zu identifizierenden Muscat-Sorte und wahrscheinlich dem Chasselas (Gutedel) den Muskat-Ottonel schuf. Der Rebe haftet eine gewisse Blässe und ein Mangel an Körper an, doch in warmen Klimazonen wie im Badischen und der Gegend um den Neusiedler See vermag sie in ihrer trockenen Ausprägung und als edelsüße Kreszenz durchaus mit einem subtilen Muskat-Aroma und Finesse zu begeistern.

Früher hat man den Muskateller überwiegend wuchtig und bevorzugt süßlich ausgebaut. Solche Fossile mit lieblicher Allerweltssüße sind heute noch zu finden - und nicht zu verwechseln mit Muskateller-Tockenbeerenauslesen wie jenen von Feiler (Rust), Kracher (Illmitz) oder Tschida vom Angerhof (ebenfalls Illmitz). Das sind Pretiosen, die zählen zum edelsüßen Hochadel. Das galt im 18. und 19. Jahrhundert auch für den Muskateller des südafrikanischen Weinguts Constantia, der neben Yquem, Tokajer, Ruster Ausbruch und rheinischen Auslesen vom Riesling die höfischen Tafeln zierte (neuerdings gibt es wieder eine edelsüße Auflage namens „Vin de Constance“). Das sind Lustweine, Raritäten für Liebhaber des Besonderen. Man träumt sich trinkend weg in den Orient und meint bei jedem Schluck die Wohlgerüche Asiens in verschlankter Form zu spüren.

Der Rosenmuskateller

Ein spezieller Sproß der weit verzweigten Muskateller-Familie ist der rare, edelsüß ausgebaute Rosenmuskateller (Moscato Rosa), wie er in Vollendung in Südtirol kultiviert wird (beste Winzer sind: Ansitz Plattner, Kellerei Schreckbichl, Castel Schwanburg, Schloß Sallegg, Elena Walch, Lageder). Der Wein glänzt rubinfarben, duftet suggestiv nach Rosen, Gewürzen, auch Kräutern und schmeckt wie naturgeboren zu allem Schokoladigen, zu Desserts mit Mohn, Nuß sowie Mandeln. Im Solo getrunken lädt er dank seiner subtilen Süße und dem verführerischen Aroma zur Meditation ein. Gleichfalls süß ausgebaut wird der Goldmuskateller.

Und beim Blättern im „Weinkenner“, einem Journal von 1907, stößt man auf den Titel „Die Blume im Wein“, wo es ein wenig prätentiös im Schnörkelstil der Zeit, doch sinnig wie eine Ode an den Muskateller heißt: „Wohl das größte Entzücken bereitet der Wein dem Kenner durch seine Blume. In dieser entfaltet sich die ganze große Schönheit der edelsten Gottesgabe, und in ihr liegt die ganze Poesie des Weins verborgen. Schon wenn eine gute Flasche geöffnet wird, berauscht die köstliche Blume die Sinne, macht Zunge und Gaumen lüstern…“

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