Champagner: Diva zwischen Hochgenuß und Enttäuschung

Prosit Neujahr! Das ist der Schlachtruf für Optimismus. Millionen Feintrinker werden ihn an den Festtagen und speziell Silvester hoffnungsvoll erklingen lassen und dann genüßlich die Lippen spitzen. An keinem anderen Tag wird mehr Schampus getrunken. Zwar hat diese Primadonna des Weins das Getto des Elitären längst verlassen: Champagner fließt heute auch an den Theken der Kaufhäuser und bei bürgerlichen Jubiläen. Aber der Name hat immer noch einen besonders animierenden Klang. Wer Champagner trinkt, fühlt sich festlich – und aufs Heiterste animiert.

Das hat eine Verhaltensstudie ergeben. Für Jeanne Antoinette Poisson, besser bekannt als Marquise de Pompadour und ebenso kluge wie kultivierte Maitresse von Ludwig XV., gab es auch ohne solche wissenschaftlichen Erkenntnisse kein Zögern bei der Wahl des Getränks. Der einzige Wein, der ihrer Meinung nach die Frauen schöner macht und dies, auch wenn mehrere Gläser getrunken werden, ist der Champagner. Was die attraktive, mächtige, geliebte und gehasste Madame um die Mitte des 18. Jahrhunderts rühmte, war zwar damals nur ein ziemlich grob schäumender Wein, deshalb auch „Propfensprenger“ genannt, aber die Mächtigen & Schönen schätzten den Champagnerwein wegen seines moussierenden Charakters als leichtfüßigen Charmeur.

ChampagnerBelleEpoque1961 Cristal Louis Roederer:
In seiner amüsanten Studie über Liebe, Luxus und Kapitalismus schreibt der Wirtschaftshistoriker Werner Sombart brillant über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung. Maßgeblich daran beteiligt waren die Frauen, zumal die Grandes Cocottes, die um die Jahrhundertwende, der Belle Epoque, sich ihre Extravaganzen in Form von Kleidern, Juwelen, Rennpferden und Villen teuer von ihren Liebhabern haben finanzieren lassen, was deren Reputation hob und die Wirtschaft so richtig in Schwung brachte.

In diesem tollen Spiel ging nichts ohne Champagner. Unter den 27 Millionen Flaschen, die um 1900 gefüllt worden waren – heute sind es über 300 Millionen! – war der „Cristal“ die erste  Cristal 1961_2 Prestigecuvée, 1876 auf Wunsch von Zar Alexander II., der exklusiv trinken wollte, in der kristallklaren Flasche kreiert. Damals schmeckte der „Cristal“ süß wie eine Beerenauslese, dem Zeitgeschmack entsprechend. Mittlerweile ist der „Cristal“ längst brut, also trocken und demokratisiert, doch nicht proletarisiert. Ein bißchen Mythos soll schon sein, immerhin wird die Cuvée nur in hochklassigen Jahrgängen aufgelegt. Das spezifische Merkmal des „Cristal“ ist seine fruchtige Kraft, gepaart mit Anmut. Der Körper ist fest strukturiert, ja muskulös, aber es ist keine Schwere in ihm, keine Wucht, sondern Noblesse und Grazie pur – eben der berühmte Roederer-Stil. Je nach Jahrgang setzt sich die Cuvée aus 55 bis 60 Prozent Pinot Noir und 40 bis 45 Prozent Chardonnay zusammen.

Der 1961 hat seine beste Zeit zwar hinter sich; im Gegensatz etwa zum sehr gut alternden Dom Perignon ist der Cristal nicht extra auf lange Lagerfähigkeit angelegt worden. Aber wer Edelfirne auch beim Schampus mag, der wird am 1961er seine Freude haben. Die Perlen tanzen nicht mehr übermütig, sondern fein durchs Glas, aber sie tänzeln! Goldgelb ist die Farbe, weich und komplex geschichtet das Bukett, das sich aus Noten wie Birne, Quitte, getrockneten Südfrüchten, einem Hauch von Minze, etwas Brioche und Rosinen zusammensetzt, leicht durchwoben mit einem zarten Aroma von Unterholz und welken Rosen. Der 1961er Cristal hat immer noch die Ausstrahlung eines Stars!

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Champagnerschwips schäumen geradezu vollautomatisch Witz, Poesie und heitere Frivolität, freilich auch so manche luxuriöse Ausschweifung wie jene, die Johnny Depp und Kate Moss nachgesagt wird: beide hätten sich 1998 im Londoner Portobello-Hotel ein Vollbad mit 36 Flaschen Champagner erlaubt. Allerdings ist längst nicht jeder Champagner das Geld wert; speziell die sogenannten Billigmarken, die es in manchen Supermärkten bereits für 15 Euro und weniger gibt, sind eigentlich nur schäumende Karikaturen: derb, dünn, oft seltsam süßlich und säurig zugleich, was nicht wundert, weil solche Billigheimer meist aus zweitklassigen Grundweinen hergestellt und nach extrem kurzer Reife vermarktet werden.

1990 Dom Perignon:
Das besondere Merkmal dieses großen Champagners ist die Kombination von Kraft und Eleganz. Die Nase spürt Töne nach Mandeln, Aprikosen, Blütenhonig und Gewürzen nebst diskret getoastetem Brioche auf. Die charakteristischen feinen Röstnoten (Kaffee) sind bereits entwickelt. Komplexer Körper. Typus reich und wuchtig. Ähnelt stilistisch etwas dem 1975er. Nach wie vor großes Lagerpotential, aber Vorsicht: es gibt 90er von schwacher Konsistenz, zudem leiden überdurchschnittlich viele Abfüllungen dieses Jahrgangs unter Korkkrankheit. Wer jedoch eine gesunde Flasche entkorkt, hat seine helle Freude!

Generell lässt sich guter von schlechtem Champagner bereits an der Art des Mousseux erkennen: je feiner die Perlen tänzeln, umso besser. Ein wesentliches Kriterium ist das Bukett. Feiner Champagner riecht nicht, er duftet. Je nach Typ wird die Nase zart nuancierte Aromen nach Blüten, Aprikosen, Apfel, Lindenblüte, Erdbeere, Haselnuss, Mandel, Zitrone, Vanille und Honig wahrnehmen. Auch Mineralien gehören zum Duftspektrum, ferner Töne, die sanft an frisches oder leicht getoastetes Weißbrot erinnern. Schlechter Champagner riecht streng, irgendwie chemisch, auch nach Geranien, Molke, altem Most, feuchtem Papier, Hefe, fauligem Brot und schimmeligen Keller. Gute Qualität erkennt man an der Harmonie der Aromen, schlechte schmeckt disharmonisch, oft süß-säuerlich.

1990 Laurent-Perrier:
Die Erwartung war hoch und wurde erfüllt. Der 1990er Laurent-Perrier trank sich wie ein privates Weltereignis. Schon das Hellgelb nebst dem feinen Mousseux entzückte das Auge. Die Nase registrierte ein vielschichtiges und gleichermaßen ziseliert gefächertes Bukett nach Vanille, etwas Brioche, weißer Schokolade und einem Hauch von rosa Grapefruit – nichts laut, alles fein balanciert. Gleoiches gilt für den geschmack. Bei allem fruchtigem Reichtum ist dieser 90er von eleganter Prägung mit vertikal angelegter Struktur. Fraglos ein Star unter den 90ern von geradezu vollkommener Rasse und Grazie.

Bei den mehr als 300 Millionen Bouteillen, die jährlich in der Champagne, jener 150 Kilometer nordöstlich von Paris gelegenen Region mit den lokalen Zentren Reims, Epernay und Ay, gefüllt werden, gibt es große Unterschiede in Geschmack und Qualität. Die Güte und der Charakter des jeweiligen Jahrgangs spielen ebenso eine Rolle wie die Klasse der Weinbergslage, der Zeitpunkt der Ernte, die Selektion der Trauben, die Arbeit im Keller sowie die Zeit der Reife.

1. Jede Kellerei hat ihren Stil. Der ist davon abhängig, aus welchen Grundweinen die Cuvèe genannte Mischung besteht. Entscheidend ist der Anteil an roten und weißen Trauben. Drei Rebsorten spielen die Hauptrolle: Pinot Noir (Spätburgunder) sowie Pinot meunier (Schwarzriesling oder Müllerrebe) als rote Trauben (sie werden „weiß“ gekeltert) und der Chardonnay als weiße Traube. Die Roten bringen die fruchtige Kraft ein; sie sind das Fleisch und die Knochen des Champagner. Die Mitgift des Chardonnays ist die Rasse mit floraler Finesse und mineralischer Kühle. Henri Krug, der in den Ruhestand getretene Meister der gehobenen Champagner-Komposition, hat dafür ein orchestrales Bild geprägt: Der Pinot Noir hat den Part der Streichergruppe, der Pinot Meunier ist die Tuba, der Chardonnay die Klarinette. Je nach Zusammensetzung der Cuvée ergibt sich der Stil: leicht oder schwer, rustikal oder elegant, zart oder opulent.

2. Die Hierarchie der Sorten. Die Champagner gleichen in ihrem Aufbau einem Kegel. Die breite Basis bilden die Bruts ohne Jahrgang. Sie machen über 90 Prozent der Gesamtproduktion aus. Diese Standard-Cuvèe soll als Visitenkarte jeder Kellerei alljährlich ungefähr gleich schmecken, was dem Kellermeister gelingt, indem er routiniert und mit feiner Zunge 10, 20, auch 30 und bis zu 50 unterschiedliche Grundweine miteinander mischt – die Önologen sprechen artig von „vemählen“.

2002 Deutz Blanc de Blancs
Die Nase nimmt weiße Blüten wahr, des weiteren ungeröstete frische Mandel und einen feinen Hauch von Apfel nebst ein wenig Brioche. Auch geschmacklich treten diese Aromen auf, zusätzlich empfehlen sich weiße Johannisbeeren. Der von feinen Fruchtnoten geprägte Körper ist kraftvoll gebaut, dabei geschmeidig und vielschichtig ziseliert. Ein eleganter Chardonnay, ja ein Juwel mir Brillanz, gerade das Rechte an einem Sommertag, ob als Aperitif oder zu einem Mahl mit Fisch, Carpaccio, Kalbsbries, Jakobsmuschel, Sushi, Ceviche, Salaten, Sülzen und Pasteten. Das 1838 gegründete mittelgroße Haus, zum Roederer-Imperium gehörend und geführt von Fabrice B. Rosset, ist berühmt für Cuvées von klarer, finessig angelegter Stilistik.

Die nächste Stufe in der Rangordnung bilden die Bruts mit Jahrgang, kurz: Millesimés. Es sind Cuvées verschiedener Rebsorten und Lagen, doch die Grundweine müssen aus dem auf dem Etikett stehenden Jahrgang stammen. Der Millesimé ist gegenüber dem Brut ohne Jahrgang reicher an Aromen, konzentrierter im Geschmack und auch langlebiger. Im Gegensatz zum Markengeschmack des Brut o.J. weist der Jahrgangschampagner natürlich die jeweils für den Jahrgang typischen Eigenschaften auf.

Die dünne Spitze des Kegels bilden die Prestigecuvées. Das sind Auslese-Champagner, gewonnen aus Grundweinen der besten Lagen und Jahrgänge. Zu dieser Spitzenkategorie zählen beispielsweise “Dom Perignon“, “Cristal“, “Comtes de Champagne“, “La Grande Dame“, „Grand Siècle“, „Louise“ „Célébris“. In der Regel ist eine Prestigecuvée ein Jahrgangschampagner, und er reift mindestens sieben Jahre, bevor er vermarktet wird. (Die Reifezeit bei den normalen Jahrgangschampagnern liegt bei cirka fünf Jahren, bei den Standard-Cuvées der guten Häuser bei drei Jahren.)

Champagne Palmes_dOr_971997 Palmes d’Or, Nicolas Feuillatte:
Brillant in der Farbe, feinst moussierend und elegant fließt diese Spitzencuvée aus Chardonnay (um die 60 Prozent) und Pinot Noir über die Zunge, und wenn das Bild gestattet ist: schwerelos tänzelnd wie einst Fred Astaire. Die Nase registriert weißes Kernobst (wie Apfel und Birne), auch gelbe Früchte (wie Pfirsich und getrocknete Aprikose), Blüten, Vanille, etwas Walnuß und Zitrus, alles harmonisch vereint und schon duftmäßig von einem großen Champagner kündend. Der Geschmack hält, was das Bukett verspricht, der von Blüten und gelben Früchten nebst Honig und einer zarten Gewürzigkeit (weißer Pfeffer, Hauch von Ingwer, vielleicht eine Nuance von Lakritze) getragene Fruchtkörper ist dicht gewoben und zugleich ziseliert. Das besondere Merkmal ist die Finesse – ein Champagner auf seinem Höhepunkt!

Komplettiert wird das Sortenprogramm durch Blanc de Blancs und Rosé. Ersterer wird nur aus Chardonnay gemacht, es gibt ihn als Standard-Cuvée ebenso wie als Millesimé und als Prestigecuvée („Dom Ruinart“, „Salon“ und „Comtes de Champagne“ sind Top-Blanc de Blancs). Eine Seltenheit ist der Blanc de Noirs: Champagner, „weiß“ gepresst aus roten Trauben. Die Pressung erfolgt extrem rasch, so dass der Kontakt des Saftes mit den Beerenhäuten, in denen der rote Farbstoff steckt, derart kurz ist, dass keine Extraktion der Farbe erfolgt – oder nur eine minimale, die sich dann in einem Hauch von rötlichem Schimmer ausdrückt.

Zur Gewinnung eines Rosé gibt es zwei Methoden. Nur wenige Kellereien stellen ihren Rosé in der klassischen Weise her, indem die Beerenhäute roter Trauben, in denen der Farbstoff steckt, nur wenige Stunden im Maische genannten Traubenbrei belassen werden, gerade so lange, bis der erwünschte Farbton erreicht ist. Je geringer die Ziehzeit, desto blasser die Farbe und desto zarter die Aromatik - das ist wie beim Tee. Es gehört viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl dazu, das ideale Zeitmaß zu treffen: wird die Maische zu lange ausgelaugt, bekommt der Most zu viel Farbe und harte Gerbstoffe. Einfacher ist deshalb die Variante, die Rotweintrauben wie zur Herstellung eines hellen Champagners so schonend und schnell abzupressen, dass der Saft farblos abfließt. Aus diesem “weißen“ Champagner wird dann durch die Zugabe einer vom Kellermeister bestimmten Dosis Rotwein ein Rosé.

Die meisten Kellereien bedienen sich dieses Verfahrens, das für sie den Vorteil hat, daß man den Farbton des Rosés nach Wunsch treffen kann, wie ausgesucht anhand einer Rosé-Skala. Als Idealfarbe gilt Kennern ein helles, leicht ins Gräuliche spielende Rosa – „Oeil de perdrix“ genannt, Rebhuhnauge. Dunkelfarbige Rosés sind oft „rotweinig“ im Geschmack, manchmal auch nur weicher, fruchtsüßer. Nach der klassischen Art bereiteter Rosé wird von Kennern freilich höher eingeschätzt, weil er in der Regel über eine besonders subtil gefächerte Aromatik mit einem zarten Edelbitterton verfügt. Die mit Rotwein dosierten Cuvées haben oft eine markante beerige Note, die, wenn sie parfümiert wirkt, also vordergründig nach Erdbeeren beziehungsweise Himbeeren düftelt und schmeckt, als unfein abzulehnen ist.

1980 Lanson Anniversary Special Cuvée:
Durst ist das Heimweh nach einem geliebten Getränk, und in diesem Sinne fühle ich mich bei Champagner wohlig zu Hause. Champagner, notabene solchen von guter Herkunft, kann ich jederzeit trinken - und tue es auch! Im Keller fand sich ein 1980er von Lanson. Das Jahr wird in den üblichen Jahrgangskärtchen meist ignoriert, allenfalls als durchschnittlich eingestuft. Tatsächlich haben nur wenige Häuser einen Vintage aufgelegt, darunter eben auch Lanson. Und siehe da, die Cuvée entzückte auch 22 Jahre danach durch aparte, subtil gereifte Finesse. Goldgelb floß der Schampus ins Glas, wo er fein schäumte und einen Duft von Apfel, Quitte und getrockneten Südfrüchten nebst einem sanften Hauch nach kurz angerösteten Nüssen freigab. Der leise Alterston war angenehm für den, der nicht notorisch auf ungestüme Frische besteht; eine leise Säure wirkte durchaus stabilisierend – Lanson gehört zu den wenigen Häusern, die auf die malolaktische Fermentation verzichten. Kurzum, der leicht weinig gewordene Champagner war ein idealer Aperitif und danach ein köstlicher Partner zu einem Salat mit Meeresfrüchten.

Besonders faszinierend an der Sache ist, wie die Leute in der Champagne es geschafft haben, aus ihrem Produkt eine Diva zu machen. Von Haus aus fehlt den Grundweinen nämlich jedes Talent zu einem großen Gewächs. Dafür ist die Lage zu nördlich und kühl, erreichen die Trauben selten ihre vollkommene Reife. Die Weine sind in der Regel säurebetont und in ihrer Struktur eher grobleinen als seidig, aber die Kellermeister haben es seit dem legendären Mönch Dom Perignon zunehmend verstanden, die Untugenden im Laufe der Jahrhunderte durch die Methode des Champagnerisierens (Stichworte: zweite Gärung, lange Hefelagerung, Kunst der Cuvée, Dosage) in eine Tugend zu verwandeln. Das hässliche Entlein reift im Keller zum stolzen Schwan und die Champagne wurde zu einer Art Hollywood des Weins: jedes im Glas nach oben tänzelnde Bläschen ist eine aufwendig inszenierte Illusion.

Jacquart Rosé:
Zwiebelschalenfarben. Die Nase quittiert außer Strauchblüten und Beeren à la Hagebutte sowie roten Johannisbeeren auch Apfelquitte. Und ein sanfter Apfelton ist neben einer zart-gewürzigen, an Anis erinnernden Note wie ein Aromafaden vom ersten bis zum letzten Schluck spürbar. Die Säure ist belebend, ja erfrischend und insofern passend zum Sommer, aber man/frau sollte nicht magenkrank sein, um diesen schlank und herbfruchtig angelegten Rosé ohne Reue zu genießen. Jacquart mit Sitz in Reims ist eine Genossenschaft von Rang, der rund 800 Winzer angehören mit entsprechend weit gefächertem Weinbergsbesitz, was den Kellermeister befähigt, aus guten Grundweinen die Cuvée zu komponieren.


In der Praxis kommt es häufig zu Missverständnissen. Zwei sind besonders bemerkenswert:

Irrtum Nummer eins: Champagner ist ausgereift, sobald er im Handelsregal steht. Das gilt allenfalls für kleine Standard-Bruts ohne Jahrgang, nicht jedoch für hochwertige Vintage-Champagner oder gar die noblen Prestige-Cuvées (wie „Cristal“ von Roederer, „Dom Perignon“, „La Grande Dame“, „Sir Winston Churchill“ von Pol Roger, Krug, „Comtes de Champagne“ von Taittinger, „Belle Epoque“ von Perrier-Jouet etc.). Die gewinnen durch zusätzliche Lagerung im Privatkeller an Finesse, sie werden feiner, graziler, ohne an Temperament zu verlieren.

Irrtum Nummer zwei: Champagner passt am besten zur feinen Küche. Das Gegenteil stimmt. Die Kohlensäure sprudelt gnadenlos jede Saucensubtilität hinweg. Ideale Partner für Champagner - und jeden anderen Schaumwein - sind Speisen mit starkem Aroma à la Pot-au-feu, Rindsroulade, Würstchen mit Kraut, Salat, Frikadellen und lauwarmer Kartoffelsalat, Sülze mit Bratkartoffeln, Eintopf mit Kohl, Bohnen und Würsten, Muscheln in Tomatensauce, Schlachtplatte mit Sauerkraut, Speck, Würstl, Knödel & Co. Dazu trinkt sich eine kapitale Riesling Spätlese gleich gut wie ein Grüner Veltliner der Kategorie „Smaragd“ aus der Wachau. Aber der ideale Partner für solche delikaten Vulgaritäten ist Champagner. Auch die pikante Tex-Mex-Küche sowie asiatische Gerichte harmonieren bestens mit Champagner & Co.

Eines sei jedenfalls dringlich empfohlen: kritisch trinken, vergleichen und sich strikt an Qualität orientieren, nicht an vorgeblich großen Namen. Mit Champagner ist es wie beim Kaviar: nur beste Qualität bringt Genuss, bereits die zweite Wahl ist das Geld nicht wert. Ansonsten gibt es keine Vorschriften zum Genuss von Champagner. Das Glas sollte tulpenförmig sein, leicht bauchig und nicht streng zylindrisch, damit die Aromastoffe sich gut entfalten können. Prestige-Cuvées schmecken auch vorzüglich aus bauchigen Gläsern, wie sie ansonsten für Rotweine vom Cabernet-Typ geeiegnet sind. Abzulehnen sind schmale Flöten, darin können die Aromen nicht erblühen. Ein besonders negatives Beispiel sind die Sektkelche von Swarovski, an denen nur der Preis verblüfft: 298 Euro im Zweierset.

Egal, aus welcher Flasche der Korken hüpft, getrunken werden sollte Champagner niemals schluckerlweise wie Wein. Das ist der halbe Genuss. Schampus muss in Strömen fließen. Zwei, drei kleine Schlückchen in einem Zug sind der rechte Rhythmus, um die Sinne anzuregen und den Kreislauf zu animieren. Das stimuliert auch Emotionen, aber bitte, nichts ist angenehmer und macht die Menschen schöner sowie geistreicher als ein süßer kleiner Champagnerschwips. Das meinte wohl auch Catherine Deneuve mit ihrem poetischen Bekenntnis: „Der erste Schluck - und du sitzt auf einer rosa Wolke und beginnst zu schweben.“


Champagner KellermeisterChampagne-Winzer sind auf dem Vormarsch

Winzerchampagner werden zunehmend populär. Das sind Weinbauern, die ihren Haus-Champagner ausschließlich aus eigenen Trauben herstellen – erkennbar übrigens am Kürzel „RM“ (heißt: Récoltant-Manipulant) auf dem Etikett. Steht „RC“ auf dem Label, so handelt es sich ebenfalls um einen Winzer, doch der liefert die Trauben an seine Genossenschaft, von der er fertigen Champagner zur weiteren Verwendung bekommt.

Unter Kennern höher geschätzt werden in der Regel die RM-Winzer, die den Prozeß des Champagner-Werdens vom Weingarten über die Kultivierung im Keller und die Reifung bis zur Vermarktung persönlich begleiten sowie kontrollieren. Von den 15 594 Winzern vermarktet etwa ein Drittel Champagner in Eigenregie; das Gros liefert entweder Trauben oder Basisweine an die Genossenschaften(CM) und Kellereien (NM). Naturgemäß gibt es auch unter den Winzern nicht nur Gerechte des Weins, abgesehen davon, daß viele solcher Weinbauern nur über wenige Hektar eigener Rebflächen verfügen, wohingegen große Häuser unter einer Vielzahl von Grundweinen für die Komposition ihrer Cuvées wählen können.

Häuser wie Roederer, Taittinger, Moet & Co können einen mageren Jahrgang mit älteren Reserveweinen aufpolieren, was einem kleineren Winzer in der Regel mangels Masse versagt bleibt. Die Champagner einer Kellerei werden in der Regel ausgeglichener sein als jene eines Winzers. Dafür punktet der Winzer mit seinem individuellen Stil, der auf spezielle Weise lagen- und jahrgangscharakteristisch ist. Hinzu kommt, daß immer mehr Winzer ihre Gärten nach biodynamischer Methode pflegen. Winzerhäuser wie Pierre Moncuit und Jean-Louis Vergnon (beide Le Mesnil-sur-Oger), Chartogne-Taillet (Merfy), Egly-Ouriet (Ambonnay), Larmandier-Bernier (Vertus), Georges Veselle und Paul Bara (beide Bouzy), Laurenti (Les Riceys), Vincent Bliard (Hautvillers), Yan Alexandre (Cournas), Didier Doué (Montgueux) oder Hervy-Quenardel(Verzay) stehen für hohe und höchste Qualität.

Solche Winzerchampagner gibt es vorzugsweise im Fachhandel und Weinboutiquen. Einige Importeure haben sich auf Winzerchampagner spezialisiert wie beispielsweise Alexandra Durin-Hepke, die in Berlin mit „Champagne& Compagnie“ ein feines Sortiment an RM-Champagnern hütet (www.champagne24.de). In Stuttgart bietet Bernd Kreis hochklassige Winzerchampagner: www.wein-kreis.de. Katrin Küpper vertritt in Wuppertal die Cuvées von Laurenti: www.kuepperundkuepper.de

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