Schampus und Kapital: Dom Perignon und der Luxus - Genuß oder Hybris?

„Luxus ist nicht das Gegenteil von Armut, sondern das Gegenteil von Gewöhnlichkeit“
(Coco Chanel)
„Zuviel von einer guten Sache kann einfach wundervoll sein“
(Mae West)


Von berühmten Schauspielern wie Gustav Gründgens hieß es, sie hätten vor Aufführungen die Order gegeben: Alles Licht auf mich! Das ist wohl das Recht des Stars. Am morgigen Samstag, 10. Dezember 2016, wird ab 14 Uhr der Spot auf Dom Perignon gerichtet sein, genauer: auf fünf ein bißchen prätentiös "Malle Plénitude" genannte truhenartige Koffer, "Trunks" genannt, mit jeweils 23 Flaschen Dompi in den Jahrgängen zwischen 1969 und 2006. Ort der Handlung ist "Auctionata", laut Eigendefinition "die führende Online-Plattform für Kunst und Vintage-Luxusgüter" (www.auctionata.com). Die Versteigerung wird weltweit live in den elektronischen Medien übertragen, das Limit pro Trunk liegt bei Euro 36 000.

Hat es überhaupt Sinn, auf ein solches Spektakel hinzuweisen? Im Gegensatz zu Oligarchen und anderen Multimillionären, die bereits ihre Agenten in Trab gesetzt haben, wird dem Normaltrinker, der schon vor mehr als zehn Euro für eine Flasche scheut, so eine Show wurscht sein. Und selbst Weinfreunde mit Neigung zu hochpreisigen Gewächsen werden zögern. Andererseits nimmt das Sammeln kostbarer Weine auf der Hitliste des Luxus und der Moden einen vorderen Platz ein. Es ist ritzy, mit Raritäten zu prunken, die sind ein Aphrodisiakum - wie anders wäre zu erklären, daß ein kürzlich für eine Magnum 2005 Graacher Himmelreich Trockenbeerenauslese von J.J. Prüm runde 10 000 Euro bezahlt worden sind, ein 1990er Pétrus um die 3 500 Euro kostet (und gekauft wird), eine Kiste Château Latour à Pomerol 1961 über 167 000 Dollar erzielte. Große Weine haben wie Stars eine divenhafte Aura. Ihr Auftritt sorgt für Spannung und löst Emotionen aus, freilich auch Diskussionen.

Dom Perignon_Trunks

Ist es noch freie Marktwirtschaft oder schon unanständiger Luxus, gar sozialer Hautgout, Champagner und hieße er Dom Perignon, kalkuliert kostspielig in 60 x 200 x 79 Zentimeter (H x B x T) große Truhen aus Eiche, ausgeschlagen mit wahlweise Kalbs- oder Pythonleder zu packen, um den Preis zu rechtfertigen? Richard Geoffroy, Chef von Dom Perignon, dessen wortgeschmeidiger Prophet und nie verlegen, wenn es gilt, seinen Champagner glanzvoll erstrahlen zu lassen, untermalt die Aktion auch rhetorisch: "Diese Vintages - 2006, 2005, 2004, 2003, 2002, 2000, 1999, 1998, 1996, 1995, 1993, 1992, 1990, 1988, 1983, 1975, 1969 - erlauben eine besondere Zeitreise durch die Geschichte von Dom Perignon, da noch nie zuvor eine so vollständige Auswahl auf den Markt gekommen ist."

Gewiß, stilvoller zu trinken geht nicht. In Kreidekellern unter perfekten Bedingungen gereifte Weine verheißen Genuß. Zwar glänzt nicht jeder Jahrgang golden, aber generell verfügt Dom Perignon über ausgezeichnete Lagerqualität. Als Luxuslabel hat der LVMH-Konzern und Mutter von Dom Perignon die Freiheit des Kapitals und darf daher jederzeit seinen Anspruch auf Glamour demonstrieren, dabei auch so manches Maß sprengen. Und so fragt man sich mitunter halt, wo das alles noch hinführen wird und enden soll. Es sind doch ohnehin nur ein paar hübsche Dinge im Leben, die der Mensch braucht. Ab und zu ein kleiner Zobel, die Rolex mit Brillis, jedes Jahr ein Wagen, für dessen Kompression man sich nicht genieren muß - und dann noch einige Sachen zum Essen und Trinken wie etwa einen Koffer voller Dom Perignon ab 36 000 Euro.

Also wird man sich die Auktion anschauen, dabei einen feinen Champagner trinken, vielleicht einen geschmeidigen Comtes des Champagne, rassigen Salon, liebenswerten Amour de Deutz oder eleganten Christal von Roederer und sich an die Erkenntnis von Onkel Franz erinnern, der unwiderleglich gesagt hat: Auch wer morgens 30 Schweine auf den Markt treibt, kann mittags nur ein Kotelett essen.

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