Edelsüße: Interview mit Hans & Kurt Feiler

Der Mann mit dem sanften Blick nimmt einen Schluck vom edelsüßen 1991er Sauvignon blanc. Im Nu bekommen seine Augen einen besonders seligen Glanz und intoniert er ein wohliges „Mhhh", das klingt wie ein Liebesseufzer. „Den Wein hat er sich selber zum 50. Geburtstag geschenkt", sagt Inge Feiler über diesen ungewöhnlichen Ruster Ausbruch mit der feinen Honigsüße und dem schier ewig anhaltenden geschmacklichen Nachklang. Hans Feiler nickt, ja, als man die von der Edelfäule namens Botrytis befallenen Trauben erntete, Anfang November, hätten die Stare schon vor ihnen ihr Festessen gehabt und das Meiste von den Stöcken gepickt. Um die 800 Flaschen dieser Rarität seien schließlich mit dem Beschluß gefüllt worden, den Wein nicht zu verkaufen, sondern im Kellergewölbe des barocken Bürgerhauses in Rust am burgenländischen Neusiedler See privat zu lagern.

Feiler lebt mit dem Wein. Er ist mit ihm aufgewachsen und ihm „eine Herzenssache" spätestens seit 1953, als er, damals gerade zwölf Jahre jung, erlebte, wie Vater Gustav, der Gründer des Weinguts, als erster Ruster nach dem Krieg einen edelsüßen Wein erzeugte. Dabei hat bei diesem 53er Ausbruch auch der Zufall mitgespielt. Ein Weinhändler aus Krems hatte Trauben gekauft und darauf bestanden, daß die ihm „faul" erscheinenden Beeren keinesfalls mitgelesen werden dürften. Gustav Feiler war es recht, er kelterte die edelfaulen Beeren extra und belebte damit die jahrhundertealte Tradition der Ausbruchweine. Rust und sein Ausbruch sind seit dem frühen 16. Jahrhundert ein dokumentiertes Synonym für höchste edelsüße Weinklasse.

Feiler Vater und Sohn
Zum Weinprogramm des Hauses Feiler gehört nicht nur der Ausbruch. Das Gut brilliert mit seinen gehaltvollen Rotweinen (à la Solitaire, Cabernet Sauvignon-Merlot, Blaufränkisch) gleichermaßen wie mit trocken ausgebauten Weißen (à la Neuburger, Sauvignon blanc, Chardonnay, Weißburgunder, Cuvée Gustav). Leitmotivisch gilt für alle Weintypen die Dominante der Eleganz. Dies trifft insbesondere auch auf die edelsüßen Gewächse zu, über die Sohn Kurt Feiler, der seit 1994 sukzessive für die Kellerwirtschaft verantwortlich zeichnet, präzise sagt: „Unsere Weine sollen Körper, Frucht und Balance haben, sie sollen die Symbiose von Mensch und Natur sein, sie sollen zum Essen passen, gut lagerfähig sein und Trinkfreude bereiten."

Oft sitzt die Familie beisammen und plaudert, wen wundert's, über Wein. Da kommen auch Erinnerungen auf wie jene an ein vom „Cercle Ruster Ausbruch" initiiertes Essen am 20. November 2003 im Restaurant "Hanner" in Mayerling, wo es um die Kombination von edelsüßem Wein mit Speisen ging. Das waren für die Feilers teils unerwartete, doch in jeder Hinsicht befruchtende Geschmackserlebnisse von den Jakobsmuscheln mit Kumquats, Ingwer und Sternanis über Thunfisch und Tintenfisch mit Lauch und brauner Lakritz-Passionsfrucht-Butter, gebratenem Kalbsbries mit Ananas, Gewürznelke und Rucola bis hin zu lackierter Taube mit Zimtjoghurt und Rosinen-Cous-Cous, Münster mit Gewürzbirne sowie Sellerie-Eis mit Grapefruit und Bratapfelcreme.

Trinkkultur ist ja die Kunst, für jeden Anlaß und jede Stimmung den dazu passenden Wein auszusuchen. Und es gibt emotionale Zustände, in denen ersetzt ein edelsüßer Wein jedes andere Getränk, jede Zigarre, jedes Dessert, selbst ein Buch oder ein Gebet. Man nehme beispielsweise den 2002er Ruster Ausbruch Essenz von Feiler: dichter Fruchtkörper, ziselierte Süße mit Aromen von Steinobst, Blüten, Honig, Trockenfrüchten und zartem Botrytis-Ton. Ein grazil strukturierter Wein, einer, der sich trinkt wie ein privates Weltereignis. Solcherart sinnlich animiert versteht man das Bekenntnis von Hans Feiler sehr gut, wenn der sagt: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt."

August F. Winkler

Interview mit Hans (Senior) und Kurt (Junior) Feiler zum Thema edelsüße Weine

Welchen Stellenwert haben edelsüße Weine in der Trinkkultur?
Leider einen viel zu geringen.

Wann ist in Ihrem Haus der erste edelsüße Wein gefüllt worden?
Das Weingut Feiler-Artinger waren 1953 die ersten, die nach dem Krieg wieder Ruster Ausbruch geerntet und gefüllt haben.

Wie beschreiben Sie kurz und bildlich die Eigenschaften eines idealen edelsüßen Weins?
Frische und Frucht und wunderbares Spiel aus Süße-Säure(-Alkohol). Große Süßweine reifen auch ganz besonders, was heißt, dass die Süße geschmacklich immer mehr in den Hintergrund tritt und der Wein mineralischer und frischer erscheint.

Welche Rebsorten eignen sich Ihrer Meinung nach besonders gut für die edelsüße Kultur?
Je nach Gebiet jene Sorten, die mit Boden und Klima perfekt harmonieren. Zusätzlich müssen es Sorten sein, die Weine mit guter Säurestruktur ergeben und die über viel Frucht und/oder große Eleganz verfügen. In Rust sind dies sicher Chardonnay, Welschriesling, Gelber Muskateller und Furmint, sowie Pinot blanc, Pinot gris, Neuburger und Traminer.

Was sind die besonderen edelsüßen Talente von
Muskateller – intensive Frucht und hohe Säure der Weine; leider durch die dicke Schale späte Botrytisbildung und wegen der eigentlich frühen Reife oft (bei heißen Temperaturen) Probleme mit Wespen.

Riesling - hohe Säure und Finesse. Spiegelt verschiedenes Terroir wunderbar wieder!

Traminer – feiner Rosenduft. Wirkt aber durch die niedrige Säure leicht schwer.

Sauvignon blanc – sehr exotische Fruchtausprägung. Schöne Säurestruktur.

Chardonnay – feine Cremigkeit, schöne Mineralität und perfekte Eignung für Vergärung im neuen Holz, was eine unnachahmliche Schmelzigkeit bringt. Entgegen üblicher Meinung gute Säurestruktur.

Welschriesling – tolle exotische Frucht, bis in die höchste Konzentration sehr elegant. Bringt sehr regelmäßig sehr saubere Botrytis, da die Schale nicht zu dünn, aber auch nicht zu dick ist.

Was unterscheidet, grob gebündelt, eine Trockenbeerenauslese in Rust von einer aus Illmitz?
Ich nehme für Rust den klassischen Ausbruch, für Illmitz eine Trockenbeerenauslese (Tba): Die Unterschiede liegen in der Topographie (Rust ist hügelig strukturiert, Illmitz flach mit Lacken) und sind durch die Böden (Rust: Kalk bzw. Urgestein, Illmitz: sehr sandige, warme und durchlässige Böden) bedingt. Dadurch haben die Ausbrüche in der Regel eine höhere Säure und wirken leichter und feiner. Bis 1995 waren die Ausbrüche meist auch im Alkohol deutlich höher (12,5 Prozent mindestens, eher 13 bis 13,5) und im Zucker auch niedriger, bei Werten von ungefähr 120 bis 160 Gramm pro Liter. Heute sind die Weine generell süßer und liegen im Alkohol bei 10,5 bis 12 Prozent.

Was ist das Besondere am Ruster Ausbruch?
Zuerst die historische Entwicklung und Dokumentation. Ausbruch war flüssiges Gold.

Dann natürlich wie im Punkt zuvor erwähnt das ganz spezielle Mikroklima. Denn in den Ruster Rieden, besonders jenen südlich von Rust (Greiner, Satz, Vogelsang), gedeihen in acht von zehn Jahren Ausbrüche in großer Menge und von bester Güte. In den beiden Nachbargemeinden Oggau und Mörbisch ist das schon wieder ganz anders. Und wie auch oben erwähnt prägt den Ruster Ausbruch die besondere Mineralität und Lebendigkeit durch die Säure, die den Wein einfach großartig reifen lässt.

Was ist der älteste Edelsüße in Ihrem Keller?
1959 Ruster Ausbruch Weissburgunder.

Was war bislang Ihr eindruckvollstes Erlebnis mit einem edelsüßen Wein?
Kurt: 1938 Ruster Ausbruch Weingut Seiler – der bisher einzige Ausbruch aus der Zeit vor dem Krieg. Es war dies (leider) die vorletzte existierende Flasche!
Hans: 1884 Tokaji.

Wie beschreiben Sie Duft, Geschmack und Zustand dieser Weine?
Kurt: Hohes Bernstein, viel Karamell, geröstete Mandeln, zart oxidative Noten am Gaumen, sehr leichtfüssig, wunderbar elegant und lang präsent am Gaumen.
Hans: unglaubliche Frische trotz des „extremen" Alters, viel Schmelz und Nussigkeit im Aroma.

Was ist für Sie die ideale Zeit für den Genuß eines edelsüßen Weins und warum?
Wie die Bezeichnung Meditationswein es schon sagt, immer dann, wenn man geistige Ermunterung und Stärkung notwendig hat. Denn der Alkohol ist moderat, der unvergorenen (Frucht)Zucker beste Nahrung für das Gehirn und der Genuss einfach unvergleichlich, was die Stimmung und das Gemüt beflügelt.

Zu welchen Speisen trinken Sie besonders gerne einen edelsüßen Wein und warum?
Reifem Käse – hier passt wirklich nur edelsüßer Wein.
Gänseleber – Traminer!!! Alles andere wäre einfach unpassend.
Dessert – Süßes braucht Süßes.

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