Edelsüße Weine: noble Kracher-Essenzen von 1981 bis 2009

Die Region um den Neusiedlersee ist so etwas wie das Sauternes von Österreich und Gerhard Kracher ihr Prophet. Robert M. Parker, der einflußreichste Weinkritiker weltweit, beehrt die Kracher’schen Trockenbeerenauslesen seit Jahren notorisch mit Punkten nahe der Hundert. Während die 2010er nun für den Markt frei gegeben werden (Kracher: „Ein Jahr, das mit Enttäuschung begann und mit Freuden endete“), die besten 2011er noch in den Fässern reifen und erst im Oktober 2013 auf den Markt kommen (Kracher: „Extrem schwierig für Botrytis, schöne Auslesen, Beerenauslesen und Eiswein“), beginnt im östlichen Burgenland, dem sogenannten Seewinkel, für Kracher in diesen Tagen die Ernte der ersten Edelsüßen des Jahrgangs 2012 (Kracher: „Die Botrytis entwickelt sich wunderschön“). Der Mann mit dem bescheidenen Auftreten führt fort, was sein Vater Alois, der viel zu früh vom Weingott heimgeholte Charismatiker mit dem großen Herzen, begonnen und aufgebaut hatte: edelsüße Weine von hoher territorialer Identität, Charakterstärke und Eindringlichkeit. (Weinlaubenhof Kracher, Illmitz, www.kracher.at)

Besonders eindrücklich wurde dies verdeutlicht bei einer Edelsüßen-Gala im schönen Landhaus Bacher in Mautern in der Wachau, als Gerhard Kracher eine Serie seiner feinsten Elixiere präsentierte – übrigens begleitet von einem Menü, raffiniert komponiert und meisterlich umgesetzt von Lisl Wagner-Bacher sowie Thomas Dorfer, ihrem Küchenchef und Schwiegersohn. Edelsüße Gewächse auf harmonische und gleichzeitig spannende Weise mit Speisen zu vermählen, zählt zu den schwersten Aufgaben der Gastronomie. Die Küche hat das ideal bewältigt mit Gerichten wie glasierten Langustinen mit Süßweingelee, in Gewürzbutter geschmorter Karotte mit confierter Perlhuhnbrust und eingelegten Maulbeeren oder Ochsenfilet mit Schalottengemüse, Senfkohl und gebackenen Rahmerdäpfeln. Würzige, säuerliche und cremige Elemente boten der Fruchtsüße des Weins Paroli, die anfänglichen Kontraste ergänzten einander schließlich in Harmonie, so daß der Gaumen nie satt war und keine Langeweile aufkam. Es ist zu bedauern, wie selten Sommeliers das Potenzial edelsüßer Kreszenzen nutzen.

Goldgelb und mit öliger Gelassenheit fließt der 2007 Muskat-Ottonel No. 1 „Zwischen den Seen“ ins Glas, eine Trockenbeerenauslese (Tba) mit 140 Gramm Restzucker (pro Liter) von hellgoldener Farbe und der typischen feinen Muskatnote. „Zwischen den Seen“ steht für Gewächse, die entweder im Stahltank oder großem Holzfaß ausgebaut werden, wohingegen „Nouvelle Vague“ der Code für die Sauternes-Variante im Barrique aus neuem Holz ist. Und die Nummern signalisieren die Zuckerwerte, aufsteigend geordnet: je höher die Süße-Konzentration, desto höher die Nummer. Das zeigt die 1995 Tba Grande Cuvée No. 12 „Nouvelle Vague“ (200 Gramm Restzucker): klassisches Botrytisjahr, helles Bernstein, dicht und vielschichtig geflochtenes Aromenbukett aus Honigmet, Apfel, Karamell. Ein Prachtwein aus bestem Jahr, reich, finessig gerundet mit langem Nachklang.

Daß im Weinlaubenhof Kracher nicht nur unter idealen klimatischen Voraussetzungen mit dem Naturpfund gewuchert wird, sondern auch in schwierigen Jahren bemerkenswerte Weine gelingen, zeigt die 1996 Tba Grande Cuvée No. 7 „Nouvelle Vague“mit 167 Gramm Restzucker: dunkles Bernstein, Aromen à la Malzhonig, Apfel, nussig, etwas kräuterig und leise rauchig durchwoben; der üppige Süßestrom weist eine kantige, feinherb geprägte Note auf, die dem Wein zusätzlichen Halt gibt, ihn sozusagen dramatischer schmecken läßt. Im Gegensatz zu den reinsortig ausgebauten Weinen ist die „Grande Cuvée“, der Name sagt es, stets eine Mischung aus mehreren Rebsorten – beim 1996er sind es je 50 Prozent Chardonnay und Welschriesling.

In jeder Hinsicht ein Gegenstück ist die 2008 Tba No. 11 Scheurebe „Zwischen den Seen“: ausgezeichnetes Jahr, seidig glänzendes Gelbgold. Attraktives Aromengeflecht aus kandierten Südfrüchten, Orangenschalen, Aprikose, Waldhonig, Litschi, zartwürzig unterlegt nebst einem Hauch von Karamell sowie Nougat im langen Abgang. Dicht und facettenreich gewoben, ein Nektar (5 Prozent Alkohol, 9,7 Gramm Säure, 363,2 Gramm Restzucker). Ein Wein von geschmeidiger Fülle und charmanter Art, der perfekt mit dem Dessert harmonierte: eingelegte Williamsbirne & Mandelkrokant nebst aufgeschlagener Sahnerahmcreme mit Karamell und Sauerklee. In einem heißen Jahr mit trockenem Sommer und viel Regen ab Mitte Oktober wuchs die 1998 Tba No. 11 Welschriesling „Zwischen den Seen“ (320 Gramm Restzucker): eines der größten Botrytis-Jahre. Bernsteinfarben, dicht und reich mit kraftvollen Noten von Honig, Aprikose, Pfirsich und Karamell. Der Wein ist von klarer Frische, elegant bei aller Kraft, die Säure ist bestens eingebunden und aufbauend im Sinne von weiterem Potenzial für die Zukunft.

Edelsüße Jahrgänge im Burgenland:

Obwohl die beiden Hauptgebiete für edelsüße Weine, Rust im Nordwesten des Neusiedler Sees und der das „goldene Dreieck“ aus Podersorf, Illmitz und Apetlon bildende Seewinkel im Südosten auf der anderen Seeseite, nur wenige Kilometer Luftlinie auseinander liegen, können die Bedingungen für Auslesen unterschiedlich ausfallen. Wenn Gerhard Kracher in Illmitz über einen Jahrgang jubelt, zeigt sich Hans Feiler in Rust vielleicht nur zufrieden - und umgekehrt. Hinzu kommt, daß sich die Botrytis als ersehnte Edelfäule nicht jedes Jahr gleich gut einstellt – und in manchen Jahren wie 1984, 1992, 1994 oder auch 2011 nahezu gänzlich ausbleibt. Dann gibt es keine klassischen Trockenbeerenauslesen, aber es können Auslesen, Eisweine und Schilfweine gewonnen werden. 1980 wird als passabel gewertet, doch gab es in diesem Jahr bemerkenswerte Eisweine – wie auch 2003 und 2011. Die Natur ist launenhaft, sie tut, was sie will. Gleichwohl sind Jahrgangsbewertungen ein Kompaß für die grobe Orientierung. Für 2012 rechnet Gerhard Kracher mit feiner Edelsüße; die begehrte Botrytis hatte bereits Anfang Oktober eingesetzt und sich laut Kracher „wunderschön entwickelt“.

Als ausgezeichnet gelten: 2010, 2008, 2007, 2000, 1999, 1998, 1997, 1995, 1991, 1986, 1981, 1973, 1971, 1969, 1963, 1953, 1947, 1934, 1921, 1917, 1894
Sehr gut: 2006, 2005, 2004, 2003, 2002, 2001, 1996, 1993, 1992, 1989, 1988, 1985, 1983, 1979, 1977, 1975, 1967, 1964, 1962, 1961, 1959, 1958, 1956, 1942
Gut bis befriedigend: 2011, 2009, 1994, 1987, 1982, 1976, 1974, 1968, 1966, 1960, 1957, 1955, 1954, 1952, 1951, 1950, 1932
Passabel: 1980, 1978
Mäßig: 1992, 1990, 1984, 1972, 1970, 1965

Die Schuhe waren groß, sehr groß, in die Gerhard Kracher nach dem überraschenden Tod seines Vaters im Dezember 2007 schlüpfen mußte – und sie paßten! Alois „Luis“ Kracher, der 1981 als gelernter Drogist vom Vater das Familienweingut übernommen hatte, entwickelte sich, am Amt wachsend, bald zum Fürst der Trockenbeerenauslese und zum Botschafter h.c. des burgenländischen Süßweins schlechthin. Keiner war international berühmter für seine edelsüßen Gewächse, keiner gewiefter in der Präsentation seiner Weine und der Darstellung seiner selbst wie der alles Schöne liebende, lebensfrohe Mann aus Illmitz, der selbst nach einer dicken Havanna noch präzise die Aromen eines Weins zu beschreiben vermochte.

Gerhard Kracher ist aus ähnlichem Holz geschnitzt und hat nach einer kurzen pubertären Antihaltung seit Jahren an der Seite des Vaters mitgearbeitet, auch Praktika bei renommierten Winzern im Ausland absolviert: „Ich hatte das Glück, schon früh zu erleben, was großer Wein und Qualität bedeutet.“ Dafür steht beispielsweise die 2007 Welschriesling Trockenbeerenauslese No. 7 “Zwischen den Seen“, eine noch von Alois geerntete und von Gerhard im Keller vollendete Fruchtbombe mit dichter Süße, delikater Würze und finessiger Stilistik (8,5 Prozent Alkohol, 7,9 Gramm Säure, 289 Gramm Restzucker). Der Wein verbindet Wucht mit Eleganz, womit er dem Kracher’schen Edelsüßen-Ideal („Wir suchen die Konzentration und lieben die Finesse“) sehr nahe kommt.

Schon etwas jenseitig von Weinigem ist die No. 11 der Trockenbeerenauslesen von 2007 angesiedelt, ein noch mächtigerer Welschriesling „Zwischen den Seen“. Es ist eine Essenz, die mit geradezu brachialer, doch von Aromen à la Aprikose, Apfel, Honig und ein bißchen Kräutergewürz köstlich flankierter Süße die Sinne torpediert. Die Werte lassen aufhorchen: 5,5 Prozent Alkohol, 7,3 Gramm Säure, 386,6 Gramm Restzucker. Auch die anderen der insgesamt elf Trockenbeerenauslesen vom Jahrgang 2007 sind keine Schwächlinge. Floral nach Veilchen und etwas Muskatnuß duftet die fein ziselierte No. 1, die Tba Muskat Ottonel „Zwischen den Seen“ (12,5 Prozent A, 6,5 Gramm S, 162,4 Gramm Rz. Rosenduftig ist die Traminer No 2 „Nouvelle Vague“ (11 A, 6 S, 212,5 Rz). Sehr konzentriert ist die Nummer 8 in der Kollektion, die Chardonnay-Tba „Nouvelle Vague“: Vom neuen Holz stammende Röstaromen à la Kokos und Vanille sind wahrzunehmen, auch etwas Milchkaramell (7 A, 8,3 S, 316,4 Rz).

Noch mehr Muskel weist die Chardonnay-Tba „Nouvelle Vague“ auf, die Nummer 10 der 07er-Kollektion: Honig, Aprikosen, Vanille, Karamell, diskret rauchig unterlegt. Großartige Kombination von Kraft und Geschmeidigkeit, von füllig und weich (6,5 A, 8 S, 376 Rz).
Sanft und zugleich kompakt wirkt die von Pfirsich nebst exotischen Noten (Litschi) geprägte Süße der Scheurebe No. 3 „Zwischen den Seen“ (11,5 A, 8,8 S, 245,6 Rz). Es ist die schlanke Version gegenüber der Scheurebe No.9 „Zwischen den Seen“ mit deren essenzieller Süße und den üppig eingewobenen Aromen wie Aprikose, Honig, Orangenzesten, Karamell (6,5 A, 9,4 S, 344 Rz). Schließlich die Grande Cuvée No. 6 „Nouvelle Vague“, eine Mischung aus 40 Prozent Chardonnay mit 60 Prozent Welschriesling, für Kracher „das Flaggschiff, das charakteristisch für den Jahrgang“ sein soll: konzentrierte, kräftige Süße, etwas holzgeprägt, dabei elegant und harmonisch (9 A, 8,7 S, 271 Rz).

Nach dem perfekten 1995er, dem opulenten 1998er und finessigen 1999er ist der 2000er ein kapitaler Jahrgang mit Weinen von konzentrierter, ins Karamellige weisender Süße und – dank kühler  Herbstnächte, gelesen wurde ab Ende Oktober - mehr rassiger Säure als 1998.
2000 Chardonnay Trockenbeerenauslese No. 7 „Nouvelle Vague“: goldgelb, reiche Süße mit Noten von Karamell, Honig, Vanille. Eine reine Botrytis-Selektion, stark, füllig, geschmeidig (7,5 Prozent A, 6,5 Prozent S, 295,9 Gramm Rz). 2000 Welschriesling Trockenbeerenauslese No. 10 „Zwischen den Seen“: goldgelb, eine Essenz, die sich erst zum Gären bequemte, nachdem Kracher dem Most etwas vom temperamentvolleren Schwesternsaft, nämlich der Welsch-Tba No. 4, zugesetzt hatte. Herausgekommen ist schließlich eine Kreszenz mit suggestiven Aromen à la Aprikose, Apfel, Honig (5,5 Prozent A, 7,8 Gramm S, 399,6 Gramm Rz).

Weitere Juwelen im Kracher’schen Repertoire: 2001 Scheurebe Tba No. 4 „Zwischen den Seen“: delikater Duft, Aromen nach Honig, Rosinen, Orangen, Pfirsich, Litschi und einem Hauch Schokolade. Vielschichtig strukturiert und von enormer Geschmackslänge.
1999 Welschriesling Tba „Zwischen den Seen“: dunkles Goldgelb, konzentrierte Süße mit Noten nach Orangenzesten, Südfrüchten, schwarzem Tee, etwas Malzhonig, Karamell, weißer Pfeffer (270 Gramm Restzucker). 2008 Welschriesling Tba No. 9 „Zwischen den Seen“: brillantes Goldgelb, essenzartiges Aromenpaket aus gelben Früchten, Pfirsichgelee, Apfel, Orangenzesten, Blütenhonig, Quitte und ein bißchen Biskuit. Feine Balance, ein Wein mit Rasse und Finesse. Noch in seiner Entwicklung mit viel Potenzial. (8 Prozent A, 252 Gramm Rz, 9,8 Gramm S). Kracher gerät ins Schwärmen, wenn er von seinen 2008ern spricht: „Der wird als Bilderbuch-Jahrgang in die Geschichte eingehen. Es ist ein Jahrgang von hohem Lagerpotential und zugleich einer, in dem die Charaktere der unterschiedlichen Rebsorten und Ausbaustile besonders schön zur Geltung kommen.“

Gerhard Kracher hat wie der Vater keine Scheu vor süßer Wucht. Er setzt voll auf die Edelfäule nach dem Motto: Botrytis as Botrytis can. Das ist ein Spiel, aber kein Hasard. Zwar stellt sich auch im Seewinkel nicht jedes Jahr wie im Abonnement die schönste Botrytis ein, aber in der Regel ist darauf Verlaß. Und wenn ein herrlicher Edelsüßer wie etwa die 1981er Welschriesling Trockenbeerenauslese bernsteinfarbig im Glas funkelt und duft- sowie geschmacksmäßig mit Aromen à la Honigmalz, Assamtee, Karamell, Orangenblüten und einer zarten Schokonote die Sinne becirct, dann braucht der Gerhard Kracher nicht lange nachzudenken, fragt man ihn, wann die rechte Trinkzeit für solche Naturwunder ist: „Jederzeit, mit Freunden, zum Meditieren, wenn man was Gutes trinken will, zum Entspanntsein, zur Musik und einfach so.“

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