Prachtvolle alte Tokajer mit Peter Baumann

Wenn man einen Stöpsel in der Seele hat, ist die beste Erlösung ein edelsüßer Wein wie beispielsweise der 1947er Tokaji Esszenzia. Er hat eine unsterbliche Süße und betört die Nase noch vor dem ersten Schluck mit einem reich nuancierten Duftstrauß nach Honig, getrockneten Orangen, Aprikosen, Karamel, Malz und einem sublimen Hauch von Schokolade. Die Sinne erschauern angemessen. Der 47er war ein Star unter den sechs Tokajern, die am 15. November 2008 als Vorspiel zur traditionellen Bordeaux-Probe – diesmal ging es um einen Vergleich der Jahrgänge 1988, 1989, 1990 - von Dr. Peter Baumann im österreichischen Linz verkostet worden sind. Baumann, ein Anwalt und weltbekannt für seine grandiose Sammlung an Tokajern, nickt zufrieden: „Nach Tokajer wirst du nie ein rotes Gesicht haben.“

 Das stimmt. Andere süße Gewächse wie die Wuchtigen aus Sauternes à la Yquem treiben einem das Blut in die Wangen. Ein Tokaji Aszu schmeichelt ebenfalls den Sinnen und stimuliert sie, aber er steigt dem Trinker nicht zu Kopf und hinterlässt im Mund seltsamerweise auch nicht jenes klebrige Gefühl, wie es sich oft bei anderen Süßweinen einstellt. Man nehme den 1937er Tokaji Aszu Eszencia, einen der größten edelsüßen Weine dieses Jahrhunderts. Der Wein fasziniert durch seine verschwenderische Süße; er charmiert Auge, Nase und Gaumen – und macht, serviert zu ungeniert dick mit Kalbsleberwurst bestrichenem Brot, aus einer an sich kleinen Mahlzeit ein geschmackliches Weltereignis.

Letztes Jahr hatte Peter Baumann zu idealer Zeit, nämlich um elf Uhr morgens, fünf Tokaj-Naturessenzen aus den Jahren 1888, 1862, 1848, 1827 und 1822 entkorken lassen, allesamt bei Chriestie’s ersteigert. Jeder der Weine begeisterte durch seine unsterbliche Süße. Die Nase nahm jeweils einen reich nuancierten Duftstrauß nach Honig, getrockneten Aprikosen, Karamel, Malz, Balsamico (1888, 1827), Marille (1827), kandierten Veilchen (1848), Lindenblüten (1888, 1827), Quittengelee (1848), Feige (1822) und Schokolade (1827) wahr.

Kein Tokajer war altersmüde, gar kaputt, jeder füllte den Gaumen auf nahezu geheimnisvolle Weise mit dicht gewobener bis öliger Finesse von gleichzeitig zarter und vielschichtiger Aromatik aus. Der Star war der 1827er: kompakt und komplex mit überaus grazil strukturierter Süße und feinem Aromenspiel. Eine edelsüße Macht, jeder Tropfen gab einem - auch nach fünf Stunden im Glas - das Gefühl, etwas außerordentlich Kostbares zu trinken, für dessen Beschreibung der normale Sprachschatz nicht ausreicht. Es war der Triumph der Emotion über den Intellekt.

 Tokajer! Das ist ein Wort wie Donnerhall. Voltaire liebte ihn („Er bringt Leben in jede Zelle des Gehirns“), Goethe hat den goldenen Wein im Faust fließen lassen, Rossini trank ihn beim Komponieren und die Zarin Elisabeth bekannte, ohne ihn nicht leben zu können. Um die Jahrhundertwende war der Tokajer ein Muss an den Tischen der Reichen. Man trank ihn zur Gänseleber, zu Wildgerichten, zu Desserts und rühmte diese Essenz augenzwinkernd als amourösen Verführer. Bis heute hat der Tokajer nichts von seiner Faszination verloren. Die alten Jahrgänge sind naturgemäß rar geworden, auch teuer.

Die Aszu-Weine eignen sich vorzüglich als Aperitif und sind ideale Partner zu allem Schokoladigem sowie fruchtigen oder karamellisierten Desserts wie beispielsweise Apfeltorte, Mohnkuchen, Topfenstrudel, Mandelgebäck. Schimmelpilzkäse passen ebenso wie alter Parmesan oder Emmentaler. Perfekt ist die Kombination zu Lebkuchen, Wildpasteten, Leberterrinen, gegrilltem Hummer, mit Gänseleber gefülltem Fasan.


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