Yquem und Sauternes

Wie jede Liebesgeschichte beginnt auch die zum edelsüßen Wein mit einem sinnlichen Erlebnis. Der höchstwahrscheinliche Anfang ist eine fingerdicke Scheibe Gänseleberterrine, rosa in der Mitte und umgeben von einem zarten Fettrand in jenem wundersamen Goldgelb, mit dem gotische Maler die Heiligenscheine verklärten. Dazu gibt es einen Sauternes voll köstlicher Finesse und der gleichen Farbe wie der Heiligenschein, nur noch glänzender. Und wenn das ein Yquem ist, vielleicht der opulente 1980er oder gar der 1975er mit seiner geradezu herrischen Kraft und Eleganz, dann ist das ein kulinarischer Akt von subtiler Erotik.

Mit öliger Gemächlichkeit wird dieses Naturwunder ins Glas fließen und seinen suggestiven Duft verströmen, jenes reiche und faszinierende Mix nach Aprikosen und Orangenblüten, nach Honig, getrockneten Südfrüchten, Mandeln, Rosinen, Gewürzen und Karamel nebst etwas Vanille, vielleicht auch Nougat , Bisquit, Kokosnuß und Marzipan – je nach Jahrgang. Jeder Schluck löst einen Schock des Glücks aus und man spürt, dass solche Edelsüße die Seele charmiert, dass sie euphorische Gefühle ähnlich denen von Jungverliebten auszulösen vermag.

Das ist das immerkehrende Wunder eines großen Sauternes. Um das zu erleben, gibt es zwei Möglichkeiten. Die einfachere ist die, dass man sozusagen geistig auf Reisen geht und zu Hause einen Sauternes entkorkt, was zumal während der Festtage eine gute Idee ist, denn Château d’Yquem & Co harmonieren nicht nur zu vielen Speisen à la gegrillte Languste, Fasan mit karamelisierten Trauben, kroß geröstete Blutwurst, Wildterrine, Austern, Strudel von Gorgonzola und Birne, Crème brulée, Mohntorte sowie Brioche, dick mit feinster Kalbsleberwurst bestrichen.

Ein Sauternes schmeckt auch jederzeit als Solitär, sei es anstelle eines Dessert oder zur Förderung der Meditation. Die andere Variante ist der Besuch vor Ort. Das ist zweifellos der noch genüßlichere Weg. Zum einen bietet das ungefähr 40 Kilometer südöstlich von Bordeaux gelegene Sauternais mitsamt dem nördlich angrenzenden Barsac eine großzügig strukturierte Hügellandschaft voller Anmut und mit schönen Schlössern – weitaus attraktiver als etwa das flachbrüstige Médoc. Von Bordeaux aus geht es mit dem Auto links der Garonne entlang die N 113 bis Barsac oder Preignac und von dort gemütlich weiter über die „Route des grands crus“ von einem Weinschloß zum anderen mit Yquem als Krönung.

Außerdem haben die Gutsherren und zumal die Winzer in der kalten Jahreszeit mehr Muße für den Besucher. Zwar stehen einem die Kellertüren nicht weit offen und der Normaltourist kann nicht leger zum Plausch mit dem Winzer einkehren, schon gar nicht auf Yquem. Nach telefonischer Vereinbarung lassen sich allerdings Verabredungen zu Besuchen der Güter treffen, kleine Weinproben inklusive. Und mit Charme nebst ein bisschen Glück öffnen sich sogar die Burgtore ins Innere von Yquem.

Das an mittelalterliche Architektur erinnernde Schloß mit Bauteilen aus dem 12. Jahrhundert thront stattliche 86 Meter über dem Meer auf der höchsten Erhebung des Sauternais. Die aus dem 15.Jahrhundert stammenden vier runden Türme fassen das Viereck der ehemaligen Burgfeste ein. Im Hof lässt ein alter, aus dem 16. Jahrhundert stammender, von Kletterrosen überwucherter Ziehbrunnen die Zeit vergessen. Das Château ist unbewohnt, doch finden Empfänge und Festessen statt, ebenso intime Verkostungen. Die außergewöhnliche Klasse von Yquem ist ein Zusammenspiel von idealem Terroir mit kultischer Sorgfalt in der Weinbergspflege, radikal-selektiver Lese und Kellerkultur. Yquem ist der Platzhirsch unter den edelsüßen Kreszenzen, ein Mythos und als einziger Sauternes als Premier Cru Supérieur hierarchisch hervorgehoben.

Aber auch andere Güter wie Climens, Suduiraut, das wiedererstarkte La Tour Blanche, de Fargues, Raymond-Lafon, Gilette und Guiraud machen Weine, die Kraft mit Finesse verbinden und aus exzellenten Jahren (wie z.B. 1997, 1990, 1989, 1988, 1986, 1983, 1980, 1976, 1975, 1971,1967) quasi unsterblich sind. Es ist schon so: große Weine haben wie bedeutende Menschen spezifische, unverwechselbare Merkmale. Das sozusagen genetische Geschmacksbild eines großen Sauternes ist seine reiche, zugleich fein ziselierte Süße. Ein junger Sauternes ist fraglos ein sehr guter Wein, aber eben noch unvollkommen.

In der Regel brauchen Yquem & Co minimum zehn Jahre, bis sie sich halbwegs öffnen. Dann bescheren sie einem einen Gipfel an Genuß, und man versteht, was Goethe gemeint hat, als er schwärmerisch einen Wein als „Trank voll süßer Labe“ pries.

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