Weinkolleg II: Wein & Sprache: oft ein Lockendrehen auf der Glatze

Präludium:
Weinproben sind eine Bühne, wer aufzutreten gedenkt, der nähere sich theatralisch. Das tun viele Verkoster, und je weniger ein Sommelier, Journalist oder Sonntagstrinker den Wein begreift, umso metaphorischer gibt er sich in seinem Wortgeklimper. Ein österreichischer, durchaus weinkompetenter Sommelier beschreibt seine Tropfen besonders brachial zwischen Granaten und Wahnsinn; und wenn eine Flasche sehr gut ist, bricht bei ihm der „helle Wahnsinn“ aus. Abseits solcher delirierender Anwandlungen gibt es weitere unartige Weinworte wie hammergenial, großes Kino, knackige Säure, Mineralik – letzteres ist selbst dem „Duden“ fremd, abgesehen davon, daß nur wenige Weine so viele mineralische Werte haben wie ihnen inflationär zugeschrieben wird.

Wein GeniesserDie Experten von "Knaurs" definieren Sprache als "System von sinnvoll verbundenen Lauten, mit dessen Hilfe Gedanken und Gefühle ausgedrückt und Informationen vermittelt werden“. Für den Philosophen stellt die Sprache den geistigen Zusammenhang zwischen den Sprechenden her. Tatsächlich offenbart ein Mensch nirgendwo besser als im Gespräch, was an Stil und Geist, an Würde und Charakter in ihm steckt. Tiere können lachen und Affen sind schlau, aber das einzige redebegabte Erdenwesen ist der Mensch, das „zoon politicon“ laut Aristoteles. Sprache ist das soziale Medium par excellence. Bei Schiller, der nach dem harschen Urteil seines Jugendfreundes Petersen im Sinnlichen ohne Feingefühl war, angeblich kratzende Weine trank, salzigen Schinken aß und von garstigen Weibern umgeben war, doch geistvolle Zitate im Dutzend produzierte, heißt es: „Stets ist die Sprache kecker als die Tat.“

Das gilt auch für die Beschreibung von Weinen.

Wenn man einen Muskateller, der noch unfertig wie eine Knospe ist, mit einem scheuen Reh vergleicht oder zu einem Moselriesling sagt, er schmeckt wie ein frecher Kobold, kichern die Freunde und schauen die Hüter deutscher Spätlesenromantik drein wie saure Heringe.

Die offizielle Weinsprache hört sich natürlich anders an. Sie besteht aus gültigen Begriffen, an denen sich der Kenner orientiert. Eine kleine Auswahl wird dienlich sein. Abgang: Eindruck nach dem Schlucken, kann leer sein, kurz, elegant, anhaltend. Ausgewogen: Harmonie von Frucht, Säure, Alkohol. Breit: ohne Finesse. Dünn: es fehlt der Körper. Extraktreich: dichter Fruchtkern. Grasig: grüne Note, erinnert an Gemüse. Gefällig: sauber, aber ohne Charakter. Grün: unreif. Komplex: vielschichtig. Krautig: nach grünem Holz oder Sauerkraut schmeckend; fehlerhaft. Kurz: Aromen verflüchtigen sich sofort. Leicht: geringer Alkoholgehalt. Mächtig: konzentriert, starker Fruchtkörper, viel Alkohol, der jedoch nicht brandig wirken soll. Muffig: Steigerung von dumpf. Reich: alle guten Eigenschaften im Übermaß. Seidig: feine Struktur. Süffig: netter Wein ohne besondere Talente. Vollmundig: reich, bleibt lange am Gaumen. Verschlossen: unentwickelt, braucht noch Zeit.

Duftprofessoren drehen Pirouetten

Ein immer wieder leidiges oder amüsantes Thema – je nach Temperament des Betrachters - sind die rhetorischen Pirouetten unserer Duftprofessoren. Schwenken sie das Glas linksherum, nehmen sie Himbeere wahr, beim Rechtsschwenk hingegen Erdbeere. Und dann die Konkurrenz: Sagt der eine „frisch gekochte Orangen“, konstatiert der andere „wilde Fleischnoten und Teer an Süßholz“. Riecht einer beim burgundischen 1969er Chambertin aus dem Hause Leroy „Himbeernote, ganz typisch“, entgegnet der andere Degustationspapst „eindeutig schwarzes Johannisbeergelee mit Leder und Kaffee“.

Dem Chambertin ist das natürlich wurscht, er verströmt aller weinseligen Definitionshuberei zum Trotz großzügig seine Hunderte von Aromen, deren Fülle kein Mensch und nicht einmal ein routinierter Parfumeur wahrzunehmen in der Lage ist. Daß es dennoch immer wieder versucht wird, gebiert weinlyrische Blüten, die eher dem Lockendrehen auf einer Glatze gleichen als nachvollziehbarer Information. Je weniger ein Sommelier, Journalist oder Sonntagstrinker den zu beschreibenden Wein begreift, umso metaphorischer gibt er sich in seinem Wortgeklimper.

Einige Phrasen aus aktuellen Verkostungsnotizen mögen diesen unseligen Trend belegen. Da wird von einem Bukett geschwärmt, das „über Kaffee, Mokka, Schokolade und Kräuter“ bis hin zu „einer Kaskade verschwenderisch reifer Brombeeren und einem Traum von neuem Eichenholz“ reicht. Ein anderer dichtet über „Klumpen von Glyzerin im Mund, die Konsistenz erinnert an Motoröl“. Über ein elegantes Hochgewächs aus dem Médoc schreibt ein weiterer Verkoster, dies sei “eine exotische, wirre Art von Wein, der nach Marmeladen-Himbeeren, Rauch, Nelken und Karamell schmeckt“. Austauschbar und somit desinformativ ist folgende Rezension eines Grünen Veltliners aus der Wachau: „Gekochter Pfirsich, frische Aprikose, Lavendelnoten, Rauchtöne, recht viel Druck, tolle Rasse im leicht kernigen Extrakt, peppig, dick und satt im blitzblanken Finale.“ Halleluja!

Von der Attitüde zur Plattitüde

Im Grunde reicht eine leidenschaftslose Beschreibung. Riecht und schmeckt der Wein klar, sauber, angenehm, vor allem typisch für Rebe, Region und Jahrgang? Ist er schwach oder ausdrucksstark, mager oder opulent, hart oder weich, noch verschlossen oder bereits offen? Nimmt die Nase frische Töne wahr, reife, morbide, tote? Dominiert die Traubenfrucht oder das Holz, ist die Säure fein oder grün, gar beißend? Nach der sachlichen Definition darf selbstverständlich auch in Bildern geschwelgt werden. Weine erinnern an Blumensträuße, an Herbstnebel, Knusperhäuschen und Rosen im Morgentau. Sie können düfteln wie ein parfümiertes Gigerl oder entzücken wie eine Sommerwiese, aber wenn unsere Duftakrobaten in einem Nasenzug gleich ganze Körbe von Früchten, Blumen und Gewürzen nebst Dutzenden weiterer Standarddüfte von Leder über Zedernholz, Tabak, Butter, Vanille, Kakao und Gras bis hin zu Gummi und Azeton erschnüffeln, dann wird die Attitüde zur Plattitüde. Das sind Aromenfetischisten, die jenem Mann gleichen, der 57 Liebespositionen kennt, doch keine einzige Frau.

Eisen oder Leder?
Die Geschichte ist bekannt von den beiden Weinfexen, die sich streiten, ob der Wein nun vordergründig nach Leder oder nach Eisen schmeckt. Keiner gibt nach, der eine beharrt auf Eisen, der zweite störrisch auf Leder. Recht hatten beide, denn als das Fass leer getrunken war, fand sich darin an einer Lederschlaufe der Kellerschlüssel.

Dass Worte auch beim Wein nicht nur verbinden, sondern verwirren und sogar trennen können, zeigt sich, wenn ein Körpertrinker und ein Eleganztrinker denselben Wein bewerten. Der kraftvolle, würzige Weine bevorzugende Körpertrinker (wie Robert M. Parker jun., der einflußreiche amerikanische Weinkritiker) neigt dazu, filigrane Gewächse als dünn zu empfinden, während der Eleganztrinker (wie Michael Broadbent, der ehemalige Weindirektor von Chriestie’s) kapitale Burschen à la Châteauneuf-du-Pape oder einen Wachauer Grünen Veltliner der Gütestufe Smaragd vielleicht als fett, gar klotzig abtut. Schließlich gibt es national geprägte Geschmackswerte: Engländer haben eine Vorliebe für überreife Weine; Franzosen irritiert die lebhafte Säure junger Rieslinge; US-Amerikaner lieben es drall; Schweizer sind traditionell auf extrem säurearme Weine abonniert; Österreicher neigen immer noch blutjungen Gewächsen zu. Dennoch ist die Weinsprache das verbindende Element über die nationalen Grenzen hinweg.

Ein Wein, sagen wir ein großer roter Burgunder, der sich schon geschmeidig trinken lässt, aber noch viel Entwicklungspotential hat, kann reich sein, komplex und verschlossen. Dies wäre die sozusagen amtlich korrekte Definition. Man wird den Wein jedoch noch besser verstehen, wenn man ihn als Eisenfaust in einem Samthandschuh beschreibt. Ein Bild drückt oft mehr aus als hundert Worte.

Die Welt des Weins ist groß und es gibt darin keine Wahrheit im Werte der zehn Gebote, aber die Antwort auf die Frage, wann man einen großen Wein trinken möge, kommt dem Absoluten sehr nah: Sofort, denn wenn du stirbst, trinkt sie deine Frau mit ihrem Freund – und umgekehrt.

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