Bücher für Weinfreunde: Novizen wie Kenner

Cover 100 beste_WeineDie 100 besten Weine der Welt

Was ist der beste Champagner? Was der beste Rotwein, Weißwein, Obstbrand, Port? Das sind Fragen von hollywoodesquem Format, oft gestellt, doch nur teilweise zu beantworten in einer Zeit, die derart schnelllebig ist, dass die Mode von morgen heute bereits die von gestern ist. Als unumstößlich dürfte gelten, daß Klassik was mit Tradition und Qualität zu tun hat. Weinklassiker müssen sich bewährt haben, zeitlos sein und wohl auch unverwechselbar. In diesem Sinne ist der Riesling als Rebsorte ebenso ein Erzklassiker wie es die Granden aus Bordeaux sind, die Crus aus Burgund oder der Barolo aus dem Piemont und die edelsüßen Weine. Auch der Chardonnay ist klassisch, aber im Gegensatz zum Riesling, der klassisch und modern ist, hat der Chardonnay – wie übrigens auch der Sauvignon blanc - , seit er zum globalen Gewächs geworden ist, auch einen modischen Aspekt, was weniger gilt als modern. Aber bitte, Montrachet, Cortoncharlemagne, Meursault und Chablis sowie Sancerre, Pouilly Fumé und die großen Weißen aus dem Bordelais sind nach wie vor Klassiker.

Dr. Wolfgang Staudt beschreibt einige dieser Weine, doch der Titel ist irreführend, ja falsch gewählt, denn in dem Buch werden nicht, wie zu erwarten, hundert weltbeste Weine in Porträtform präsentiert, sondern hundert Rebsorten und Regionen. Die werden kundig beschrieben, und insofern taugt das Buch als Einstieg für Weinjünger, die ihre Kenntnisse erweitern möchten. Allerdings hat der Autor, weshalb auch immer, etliche renommierte Regionen unterschlagen; im Bordelais geht er nur halbherzig auf Pauillac sowie Pomerol ein, St. Emilion, Margaux, St, Julien, Graves sowie St. Estephe werden ignoriert.

Gewiß ist zu berücksichtigen, daß der Mann seine persönliche Meinung widergibt, aber ist es nicht zu persönlich, um es milde auszudrücken, wenn unter den empfohlenen Pauillac-Gütern zwar d’Armailhac angeführt wird, nicht jedoch Granden wie Mouton, Latour, Lynch-Bages, Pichon Baron & Co? Und ob ein gebratenes Milchlamm wirklich ideal von einem Pauillac begleitet wird – und nicht ein veritabler Lammrücken! - , darf ebenso mit einem Fragezeichen versehen werden wie die Aussage, Prestigecuvées der Champagne würden am besten zu „fein zubereiteten Gerichten“ passen. Offenbar war der Autor noch nie bei namhaften Champagne-Häusern zu Gast, wo Prestige-Cuvées bevorzugt zu rustikalen Speisen entkorkt werden – wie etwa der große Krug zu einem Bohnen-Wurst-Eintopf.

Daß im Kapitel über weiße Burgunder der machtvolle Montrachet ebenso unberücksichtigt bleibt wie der elegante Cortoncharlemagne sei am Rande angemerkt, hingegen ist es schon keine Nachlässigkeit, sondern Fahrlässigkeit, bei den Wachauer Winzern einen Emmerich Knoll zu verschweigen. Nützliche Informationen bieten das Glossar sowie eine Aufzählung bekannter Weinaromen, ein Register mit Namen der Winzer, Rebsorten und Güter wäre dienlich. Und „zum Schluß“ wirbt Dr. Staudt auf Seite 390 mit seiner Website nebst dem Hinweis, daß er sich auf ein „Wiedersehen“ in „einem meiner Seminare…bei Ihnen zu Hause oder in Ihrer Firma“ freuen würde.

Die 100 besten Weine der Welt, Wolfgang Staudt, Westend Verlag, 399 Seiten, sparsam in Schwarzweiß illustriert, Euro 24,99.


Cover Johnson_2015Der kleine Johnson 2015

Das Trinken ist natürlich sinnlicher als das Lesen über Wein. Darin liegt der Triumph der Praxis über die Theorie. Aber es gilt auch, dass tiefer genießt, wer mehr über das Objekt weiß. Quellen der Erkenntnis können u.a. Bücher über den Wein sein. Können! – denn nicht jedes Weinbuch verdient Applaus. Einiges von der jährlichen Massenernte ist hilfreich, manches wertvoll, etliches allerdings überflüssig, weil schlampig recherchiert und obendrein noch langweilig geschrieben. Es gibt nur wenige Autoren, die gleichermaßen informativ wie genüsslich schreiben.

Man nehme Hugh Johnson. Der Auflagenmillionär ist gebildet und kennt sich insbesondere in der Weinhistorie bestens aus. Zudem ist er ein freundlicher Mensch, geprägt von britischer Lebensart. Das mag erklären, weshalb Johnson bei der Bewertung der Weine, deren Güte er mit Sternen klassifiziert, oft eher höflich als kritisch urteilt. Diese Milde muß kein Manko sein beim Kleinen Johnson, dem laut Hallwag-Verlag „erfolgreichsten und meistgekauften Weinführer der Welt“. Zwar sind klare Aussagen eines bekannten Weinautors fraglos von Nutzen – Robert Parker, dem US-Antipoden von Johnson, haben dessen Weinkritiken den Rang eines globalen Weinpapstes eingebracht. Aber der Hauptwert des Johnson-Büchleins ist sowieso mehr der eines kleinen Handlexikons.

Das seit nunmehr 36 Jahren jährlich aufgelegte Büchlein beschreibt im Telegrammstil rund 15 000 Weine, Jahrgänge und Produzenten weltweit. Den Châteaux des Bordelais ist richtigerweise ein eigenes Kapitel gewidmet. Unter der Federführung von Johnson haben Fachleute vorzugsweise angelsächsischer Herkunft die Weine mit Sternen bewertet: ein Stern steht für Wein von „einfacher Qualität für jeden Tag“, wohingegen vier Sterne eine Kreszenz von „erstklassiger, anspruchsvoller, teurer“ Art schmücken. Ergänzt wird das nützliche, kompakt strukturierte Kompendium um Abhandlungen zu Themen wie Jahrgangsbeschreibungen, prägnant kurzen Rebsortenporträts, Empfehlungen für Trinktemperaturen sowie einigen eher harmlosen Anmerkungen zum an sich recht komplexen Kapitel vom „Essen & Wein“.

Es ist, auch für erfahrene Weinfreunde, ein sehr nützliches Nachschlagewerk für rasche Orientierung im dichten Weindschungel. Obendrein hat es den Vorteil, bequem in die Jackentasche zu passen, also dient es auch als Einkaufshilfe, ob im Handel oder Restaurant.

Der kleine Johnson 2015, Hugh Johnson, Hallwag Verlag, 480 Seiten. 9 x 19 cm, Euro 19,90


Cover Wein_was_man_wissen_mussWein – alles, was man wissen muß

Weintrinken ist – wie alles, was mit Kultur und zumal Ästhetik zu tun hat – eine Frage des persönlichen Geschmacks. Der eine ist ein Körpertrinker, der liebt die kraftvollen Gewächse, kein Wein kann ihm wuchtig genug sein. Der andere ist ein Eleganztrinker, der im Wein die zarten Töne schätzt. Von der Stimmung hängt es ab, wann man welche Flasche entkorkt. Mal wird es ein sch1ichter, aber sauber ausgebauter Bauernwein sein, dann vielleicht ein Bürgergewächs oder eine Top-Kreszenz. Erleichtert wird die Auswahl durch das weltweit enorm gestiegene Angebot. Noch nie zuvor hat es so viele gute Weine gegeben, und wie nie zuvor bedienen sich die Genießer sachkundig im globalen Weinberg - Motto: Schön ist. was gefällt.

In dieser Vielfalt liegt das alte und neue Mysterium des Weins. Und sie ist zugleich die Erklärung, weshalb das Weintrinken in einer ansonsten rational verwalteten Welt nach wie vor ein sinnliches Abenteuer ist, eine stets faszinierende Begegnung mit Farben, Düften und Aromen.

Das von mehreren kompetenten Autoren (Önologen, Sommeliers, Journalisten, Weinhändler wie Dagmar Ehrlich, Isabel Gänkler, Reinhardt Hess, Beat Koelliker, Bernd Kreis) geschriebene Buch ist ein Grundkurs vor allem für Wein-Novizen, die sich ein bißchen weiterbilden möchten. Im Pressezettel des Hallwag-Verlags heißt es ein wenig superlativisch, doch im Kern richtungweisend, das Buch biete „alle wichtigen und nützlichen Informationen rund um den vielseitigen Rebensaft“. Die einzelnen Themen wie Einkauf, Lagerung, Tafelglück, Umgang mit Wein, Terroir, Rebsorten und Anbauländer sind übersichtlich aufbereitet, so daß jeder sich gezielt über die Aspekte informieren kann, die ihn gerade interessieren, ohne zwingend der Kapitelreihe des Buches folgen zu müssen.

Das ist praxisnah – ebenso wie das umfangreiche Register. Ein Fragezeichen ergibt sich im Kapitel „Rebsorten im Porträt“, wo von acht Stars und 13 Aufsteigern die Rede ist, doch die Suche, welche Rebsorten nun konkret gemeint sind, ins Leere führt. Den gewieften Kenner, der, wenn schon nicht alles, so doch vieles über den Wein weiß, wird das Buch nicht wesentlich weiter voran bringen, doch für den Novizen ist es ein Gewinn.

Wein – alles, was man wissen muß, Hallwag-Verlag, 288 Seiten, 140 Fotos, 16 x 21,5 cm, Euro: 19,90.


CoverGetraenke-WerkstattDie Getränke-Werkstatt

Eine Zeitlang, als die „beautiful people“ in den einschlägigen Szenelokalen tropische Longdrinks und ähnlichen Mixnippes, reich an Farbe, doch arm an Charakter, bevorzugten, standen Pünsche & Bowlen im gesellschaftlichen Out, ganz zu schweigen von Obstwein, Likören und Limonaden. Jede Zeit hat eben ihre Moden. Die sind zwar, wie der Dichter G. B. Shaw spottete, von „so unerträglicher Hässlichkeit, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen“, doch der Mensch eifert als notorisches Herdentier ziemlich blindlings den Leithammeln nach. Aber wie das so ist mit den wirklich guten Dingen: Sie überleben alle Moden, und so können wir in dieser Wintersaison die strahlende Wiederkehr der heißen Punsch-Getränke und selbstgemachten Liköre feiern. Es ist ritzy, Freunde zu Bowle, Ingwerbier, Cocktail oder einem Limetten-Sciroppo einzuladen – letzteres Rezept ist erstmals in einem Medici-Kochbuch von 1696 notiert.

Lindy Wildsmith, die Köchin und Autorin, lädt nahezu poetisch in ihre Getränke-Werkstatt ein: „Kühl und süß rinnt die erste eigene Limonade die Kehle hinab und zaubert ein Lächeln aufs Gesicht. Hausgemacht schmeckt einfach am besten – und macht Freude!“ Insgesamt serviert die Anhängerin der Slow-Food-Bewegung um die 100 Rezepte für Getränke mit und ohne Alkohol vom Rhabarberwein, Würzcider und Ingwerbier über Kardamom-Tee, Stachelbeer-Sternanis-Wein und weißem Pflaumenwein bis hin zu altenglischer Cider-Bowle, Whisky Sour Amalfitana, Pussyfoot und Mocino, einem italienischen Walnußlikör.

„Sommer in Flaschen“ nennt Lindy Wildsmith ihr „Gin-Tonicum“: 100 g flüssiger Honig wird mit 200 ml Dessertwein vermischt und erwärmt. Nach dem Abkühlen wird diese Mixtur mit drei Handvoll frischen Holunderblüten, Rosen-, Lavendel-, Jasmin-, Geranien- oder Orangenblütenblättern beziehungsweise einer Mischung von allen in eine Schale gegeben, ergänzt um das herausgekratzte Mark einer Vanilleschote. Alles unter einem sauberen Tuch drei Tage stehen lassen, dann in ein großes Einmachglas füllen, 150 ml hochwertigen Gin hinzu füllen, gut umrühren und sechs bis sieben Wochen stehen lassen. Danach die Flüssigkeit durch einen Filterbeutel abseihen, über Nacht abtropfen lassen, mit weiteren 150 ml Gin anreichern und in Flaschen füllen. Vor dem Trinken einige Monate dunkel lagern.

Diese Essenz eignet sich pur nach dem Essen als „Stärkungsmittel getrunken, über Eiscreme geträufelt oder mit Mineralwasser verdünnt als erfrischender Aperitif.“

Ein Glossar und Stichwortverzeichnis runden das hübsch illustrierte Büchlein ab.

Die Getränke-Werkstatt – Obstwein, Beerenlikör & Limonade selber herstellen, Lindy Wildsmith, Jan Thorbecke Verlag, 200 Seiten, 19 x 25 cm, Euro 19,99.

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