Mouton-Galerie

Mouton-Galerie: 1975 – Andy Warhol

Geschrieben von: August F. Winkler

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten nebst den Weinen dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1975, gestaltet von Andy Warhol.


1975: das Etikett

Warhol Andy_1977Über Andy Warhol („Ich wollte immer eine Maschine sein“), muß nicht langmächtig parliert werden, der Mann mit dem bleichen und unendlich traurig wirkenden Gesicht und der silbern gefärbten Perücke, am 6. August 1928 als Andrej Warhola in Pittsburgh geboren und am 22. Februar 1987 in New York gestorben, entstammte einer bäuerlichen Familie aus den Karpaten, war ein Künstler von originellem wie auch originärem Rang, vielleicht mehr einfallsreich als schöpferisch im klassischen künstlerischen Sinne, doch raffiniert in seinem Talent, sich den Markt zunutze zu machen – und ein Fürst der Pop-Art, die er immerhin mitbegründet hatte.

Den gelernten Graphiker erkennt man auch in seinen Werken, die sind Spiegelbilder der Alltagskultur, bevorzugt vermarktet im Siebdruckverfahren dank dessen unbegrenzter Reproduzierbarkeit mit Tausenden von Campbell-Suppendosen, Cola-Flaschen, Blumen oder die besonders populären Porträts prominenter Personen wie Marilyn Monroe, Mao, Jackie Kennedy, Muhammed Ali, Mick Jagger und Liz Taylor. Seine Trivialmotive überzogen die Welt und füllen bis heute die Flohmärkte. Er schien fasziniert vom Boulevard der Schicken und Schönen, vom Glamour der Stars.

Seine1962 gegründete Factory war nicht nur Atelier und Kunststudio. Hier fanden auch die berühmten, teils berüchtigten Partys statt, und diese Werkhalle war zudem eine Zentrale für Klatsch und Tratsch. Privat gab Warhol nur wenig preis; aus seiner Homosexualität machte er zwar kein Geheimnis, doch outete er sich nicht öffentlich. Truman Capote nannte ihn eine „Sphinx ohne Geheimnis“. Er war ein Meister in der Kunst, den Mythos „Andy Warhol“ auszubauen und zu pflegen.

Nach dem Attentat, verübt durch eine Frauenrechtlerin, die ihn am 3. Juni 1968 schwer verletzte, war Warhol ein anderer Mensch geworden, ängstlich bis zur Hypochondrie, abergläubisch und befallen von einer Kauf-und Sammelwut - in seinem Nachlaß fanden sich historische Kunstwerke, Arbeiten von Pop-Kollegen wie Lichtenstein, Rauschenberg und Twombly sowie Porzellan, wertvolle Möbel, Uhren und Broschen aus dem Art Deco ebenso wie Kitschobjekte à la Kaugummiautomaten und Mickey-Mouse-Figuren. Er sagte: „Wer alles über Andy Warhol wissen will, braucht nur die Oberfläche anzusehen, die meiner Bilder und Filme und von mir, und das bin ich. Da ist nichts dahinter.“

In seinen „Tagebüchern“ beschrieb Richard Burton Andy Warhol, mit dem er im Rahmen eines Festes bei Guy de Rothschild am selben Tisch saß, als einen “aus einem Horrorfilm entsprungenen Gentleman: Solange er sich nicht bewegte, sah er aus wie eine Leiche, und wenn doch, was selten vorkam, wie ein schönheitschirurgisches Fiasko. Er hatte weder Augenbrauen noch Wimpern und trug eine grauenhafte Perücke oder gefärbte Haare, vorne bis zum Scheitel schneeweiß und hinten ein undefinierbares Braun, ein bißchen wie meins. Sein Gesicht war mit Make-up zugekleistert und hier und da mit ein paar Beulen versehen, als hätte ein ungeschicktes Kind es aus Gips geformt.“

Das für das Mouton-Etikett ausgewählte Bild zeigt – auf Basis von Fotografien - zwei nebeneinander platzierte Versionen eines Porträts von Philippe de Rothschild, farbig durchmischt.

Mouton Galerie_75_Details

1975: der Wein

Mouton Galerie_1975Von Geburt an war der Jahrgang umstritten, rätselhaft wie eine Sphinx. Während die einen gleich von einem Jahrhundertjahrgang schwärmten, dem besten seit 1961, urteilten andere zurückhaltender und besorgt vor allem wegen der harten Gerbstoffe. Wird sich das Tannin glätten, sich die Frucht jemals durchsetzen? Ja, meinten die Optimisten, die nach drei aufeinander folgenden dürftigen bis mittelmäßigen Ernten freilich auf Lob gestimmt waren. Und tatsächlich hatte der 75er einiges zu bieten, die Trauben waren auf Mouton vollreif geerntet worden mit relativ hohem Zuckeranteil und dicken Häuten. Der Jungwein war tiefschwarz, voller Duft und reichem Potential, aber das Tannin umfing den Wein wie mit einer eisernen Faust (massive bis besonders strenge Gerbstoffe belasteten die Gewächse jener Winzer, die ihre Cabernet-Trauben zu früh gelesen und nicht völlig entrappt hatten). Also sprach man von einem „Vin de garde“, einem Wein mit extrem langsamer, viel Geduld einfordernder Entwicklung.

In seinen ersten Jahren gab sich der 1975er abweisend. Noch Mitte der Achtziger habe ich über den 75er aus der Magnum notiert: Volle Farbe, verschlossenes Bukett, gibt nur einen Hauch von Frucht frei. Der Körper ist stark und fest, noch zugeknöpft. Man beißt sozusagen auf Tannin, das wirkt adstringierend im kantigen Abgang. Die exotisch wirkende, für Mouton charakteristische „Minze“ ist deutlich spürbar. 1989: Noch unaufgeblüht. Dunkles Bukett, beerig und duftend nach Veilchen, Zedernholz, Vanille, Leder, Mokka, Tee, Schokolade, Pflaume, Minze. Von Tannin durchwoben. Noch scheint die Frucht stark genug zu sein, um das Tannin zu überleben.

In den 90ern offenbarten sich zunehmend drei Erkenntnisse: 1. Der Wein ist weniger opulent wie vielfach beschrieben. 2. Die Gerbstoffe sind hartnäckig. 3. Die Frucht wird nicht triumphieren. Die Farbe changierte in den Normalflaschen inzwischen von tiefrot über Rubin bis ins Rubingranate und schließlich Granatrote mit mehr oder weniger Aufhellungen am Rand; je nach Qualität der Flaschenlagerung sind auch Brauntöne zu verzeichnen. Wie die Farbe wechseln die Aromen, mehr und mehr mischen sich Noten à la Jod, Graphit, schwarzer Tee welke Blüten, Dörrpflaumen neben erdigen, lederigen, tabakigen und lakritzigen Tönen ins Bukett.

Auch geschmacklich dominieren immer stärker reife bis überreife Noten. Die Frucht wird blasser, das Tannin bleibt. Hinzu kommt freilich eine zarte, reizvolle Süße. Meine letzte Notiz stammt von 2015, eine Magnum in besten Zustand: Leicht aufhellendes Rubingranat. Einladendes Bukett mit Noten von Dörrpflaumen, Cassis, etwas Graphit, Minze, Zeder, Tabak, schwarzer Tee, Schokolade und Leder nebst einem sanften medizinalen Ton. Sublime Süße in Duft wie Geschmack. Tanninbetont im Abgang, aber nicht mehr so rau wie früher. Fazit: Kein großer Wein und schon gar kein Schmeichler, doch für Liebhaber leicht überreifer Médoc-Gewächse ein Genuß, eine perfekt gelagerte Bouteille vorausgesetzt. Neben anderen Granden wie La Mission-Haut-Brion, Lafleur, Pétrus, L’Evangile und Léoville-Barton zählt so ein Mouton zu den Jahrgangsbesten.

In den Chroniken ist 1975 als mengenmäßig große Ernte verzeichnet. Nach einem milden Winter gab sich der Frühling warm, abgesehen von einigen wenigen Kältephasen, die jedoch ohne negativen Einfluß blieben. Eine sehr schöne Blüte ließ auf einen feinen Jahrgang hoffen. Der Sommer war heiß und weitgehend trocken, die Winzer frohlockten stärker in Erwartung eines exzellenten Jahrgangs, zumal willkommener Regen vor der Ernte, die am 22. September begann, für einen ausgeglichenen Haushalt in den Trauben sorgte.

Vom 1975er sind gefüllt und nummeriert worden: 241 000 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 9 245 Magnums, Jéroboams, Impériales. Keine Angabe gibt es über die fürs Gutsarchiv bestimmten Flaschen, die „Réserve du Château“ (R.C.), die üblicherweise 5 000 Bouteillen umfaßt.

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 170 (untere Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen als l.s. für low shoulder oder b.s. für below shoulder gekennzeichnet, was einem hohen bis totalen Oxidationsrisiko entspricht) und 270 Euro (hohe Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen auch als h.s. für high shoulder oder t.s. für top shoulder gekennzeichnet: bestens gelagerte Flaschen, völlig akzeptabel bei älteren Weinen; auch ein u.s. für upper shoulder ist annehmbar).
 

Mouton-Galerie: 1974 – Robert Motherwell

Geschrieben von: August F. Winkler

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1974, gestaltet von Robert Motherwell.


Motherwell Robert1974: das Etikett

Den Willen zur Kunst hatte Robert Motherwell, 1915-1991, bereits als Kind, doch auf Wunsch seines Vaters, eines Bankiers, studierte er zunächst Philosophie und Französische Literatur an Elite-Unis wie Stanford und Harvard. Nach einem zweijährigen Studienaufenthalt in Paris, wo er sich mit Künstlern wie Piet Mondrian und Fernand Léger angefreundet hatte, begann Motherwell ein Studium der Kunstgeschichte an der Columbia Universität. Er lernte Robert Matta kennen (siehe die Mouton-Galerie von 1962), mit dem er 1940 nach Mexiko reiste und dort auf den österreichischen Surrealisten Wolfgang Paalen traf.

Nach kurzem Flirt mit dem Surrealismus in den frühen 1940er-Jahren 
Motherwell Calligraphic_Studywandte sich Motherwell dem abstrakten Expressionismus zu und wurde einer der bedeutendsten Vertreter dieser speziell amerikanischen Kunstrichtung, die in den 50er-Jahren in New York als eine Art Befreiung von den europäischen Einflüssen entstand und zugleich ein Fanal gegen das etablierte Kunstverständnis der amerikanischen Kulturszene war. Die sogenannte New York School sorgte bald international für Aufsehen, zu den wichtigsten Vertretern gehörten neben Motherwell, der als intellektueller Kopf der Gruppe galt, als ein Maler, der denkt, auch Willem de Kooning, Mark Rothko, Franz Kline, Ad Reinhardt, Philip Guston, Joan Mitchel und Jackson Pollock.

Seine künstlerischen Arbeiten, Bilder wie Graphiken, sind beim ersten Hinschauen erst einmal schwer zu beschreiben; man muß die geometrischen Linien und kalligraphischen Zeichen, die teils zarten und Motherwell Mexikan_Nightdann wieder massiven Formen, die Ovale, Rechtecke, Kreise und Striche, mal puristisch und zugleich kraftvoll in Schwarz, dann wiederum in lebhaft leuchtenden Farben gestaltet, auf sich wirken lassen. Auf den ersten Blick verkörpern sie nichts Gegenständliches, doch für Motherwell sind es "vertraute Dinge, die zu meinem Leben gehören" wie das Ocker der Erde, das Grün des Grases, das Blau von Himmel und Meer, die Etiketten von "Gauloises", von "Players", ja der deutschen "Ernte 23" - "manchmal rauche ich die", hat der Künstler in einem Interview lächelnd gesagt.

Den internationalen Durchbruch des von Peggy Guggenheim ermutigten und geförderten Künstlers begründete die Ausstellung "The American Painting", die 1958/59 in wichtigen europäischen Kunstzentren und als Höhepunkt im Museum of Modern Art in New York gezeigt worden ist. In seinen vielen Aufsätzen und theoretischen Werken über die Kunst schrieb Motherwell von der Verpflichtung, "alles abzulehnen, was ich nicht fühle, woran ich nicht glaube". Zugleich betont er seine "reine Freude am Malen", gipfelnd in folgendem Kommentar: "Das Auftauchen der abstrakten Kunst ist eines der Zeichen dafür, daß es immer noch Menschen gibt, die in der Lage sind, das Gefühl in dieser Welt zur Geltung zu bringen...Manchmal wird vergessen, wie viel Esprit in den gewissen Werken der abstrakten Kunst steckt. Im Durchleben von Qual und Schmerz begegnet man an einem bestimmten Punkt dem Komischen - ich denke an Miró, an den späten Klee, an Charlie Chaplin, an die gesunden und humanen Werte, die in ihrem Geist zutage treten."

Am 16. Juli 1991 starb Robert Motherwell in Provincetown, Massachusetts, an einem Herzinfarkt.

Das Etikett ist wertvoller als der Wein

Das für das Mouton-Etikett ausgewählte Bild - ursprünglich ein Ölgemälde auf Leinwand - zeigt sein künstlerisches Genie und ist darüber hinaus ein symbolhaftes Beispiel für den bewegenden und aufrührerischen Geist der New York School.

Mouton Galerie_1974_21974: der Wein

Um es gleich unverblümt zu sagen: Nach dem äußerst dürftig geratenen 1972er und vor dem reizlosen 1977er steht der 1974er für eine unterdurchschnittliche Leistung von Mouton, die sich nicht alleine durch die ungünstigen Wetterverhältnisse erklären läßt. Daß auch aus einem mißgünstigen Jahr ein halbwegs guter Wein gekeltert werden kann, zeigt Latour, dessen 74er naturgemäß auch nicht gerade höchste Wonnen bietet, aber immerhin ein Gewächs von achtbarer Güte (und im Graves haben La Mission-Haut Brion sowie die Domaine de Chevalier vorzeigbare Weine erzeugt). Ansonsten waren die Weine dieses Jahrgangs von Anfang an und durchwegs spröde, fruchtarm und tanninhart geprägt - Eigenschaften, die sie zeitlebens behalten haben.

Es bedarf schon inniger moutonesquer Verehrung, dem Wein gute Seiten abzugewinnen. Gut, von 1981 fand ich eine Notiz mit hellem Rubin, etwas Cassis und einem Hauch von Kräutern nebst Minze, gefolgt von Zedernholz und Kaffee, aber schon damals bemängelte ich ein schales Bukett sowie fehlende Fruchtdichte. Aus 1989 stammt folgende Beschreibung: "Ziemlich flach. Ein bißchen Fruchtigkeit in Form von schwarzer Johannisbeere legitimiert allenfalls die Tat von Mouton, diesen Jahrgang überhaupt in Flaschen zu füllen. Jodig, spröde am Gaumen, säuerlich und kurz im Abgang. Dem leicht gebauten, von Holz etwas dominierten Wein mangelt es an Farbe, Extrakt, Struktur und Länge."

Meine letzte Begegnung mit dem 1974er war im Jahre 2013 eine Magnum, die ein Mouton-Sammler aus seinem klimatisch bestens ausgestatteten Keller geholt hatte - und siehe da, der Wein mit hohem Füllstand bereitete, dekantiert und sogleich eingeschenkt, Freude, besser gesagt: Genuß der kleinen sanften Art. Die Farbe zielte ins Granatrötliche mit Orangerand, das Bukett war ziseliert und wie der Geschmack durchwoben mit reifen, doch keineswegs jenseitigen Noten. Nase und Gaumen nahmen sanft angewehte Fruchtnoten nach Cassis und Himbeere wahr, ergänzt um Tabak, Zeder und einem Hauch von Minze sowie Kakao nebst einem Einsprengsel von Unterholz sowie Champignonsud. Der Körper war fragil, gewiß und der Nachgeschmack kurz, aber der Wein hatte sich nicht aufgegeben, sondern trotzte dem schlechten Ruf mit zarter Alterssüße. Unser Erstaunen war groß, keiner hätte - trotz der Magnum - auch nur einen Pfifferling auf den Wein gegeben, doch die Erklärung folgte nach einem Blick auf die Flasche: Die war kürzlich neu verkorkt und sicher mit einem jüngeren Wein von kräftiger Art vermählt worden.

Sämtliche andere Erlebnisse waren, wie freilich nicht anders zu erwarten, enttäuschend, es häufen sich in den Aufzeichnungen negative Anmerkungen wie bräunliche Farben sowie überreife Aromen à la feuchter Waldboden, Moos, Pilze, Malzkaffee, Kohl und derlei ungustiöse Noten. Das Gros der Weine war hart, dünn, bitter, gezehrt, angesäuert, vegetabil, unbalanciert, geschmacklos, auch hoffnungslos oxidiert.

In den Chroniken ist 1974 als mengenmäßig große Ernte verzeichnet. Der Frühling war warm, es gab eine schöne Blüte. Im Juni und Juli war es sonnig und trocken, die Winzer frohlockten in Erwartung eines feinen Jahrgangs, aber die Natur kann perfide sein. Prompt setzte ab etwa Mitte August kühles und feuchtes Wetter ein, der Regen platschte insbesondere im September und bis in den Oktober hinein massiv auf die Weingärten und verwässerte die Trauben. Auf Mouton hatte man wohl gepokert und mit der Ernte erst einmal gewartet, doch die Wetterprognosen blieben ungünstig, so daß die Pflücker ab 1.Oktober in die Weingärten geschickt worden sind.

Vom 1974er sind gefüllt und nummeriert worden: 237 500 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 3 135 Magnums, Jéroboams, Impériales. Keine Angabe gibt es über die fürs Gutsarchiv bestimmten Flaschen, die „Réserve du Château“ (R.C.), die üblicherweise 5 000 Bouteillen umfaßt.

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 170 (untere Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen als l.s. für low shoulder oder b.s. für below shoulder gekennzeichnet, was einem hohen bis totalen Oxidationsrisiko entspricht) und 210 Euro (hohe Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen auch als h.s. für high shoulder oder t.s. für top shoulder gekennzeichnet: bestens gelagerte Flaschen, völlig akzeptabel bei älteren Weinen; auch ein u.s. für upper shoulder ist annehmbar).
 

Mouton-Galerie: 1973 – Pablo Picasso

Geschrieben von: August F. Winkler

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Weiterlesen: Mouton-Galerie: 1973 – Pablo Picasso

   

Mouton-Galerie: 1972 – Serge Poliakoff

Geschrieben von: August F. Winkler

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Weiterlesen: Mouton-Galerie: 1972 – Serge Poliakoff

 

Mouton-Galerie: 1971 – Wassily Kandinsky

Geschrieben von: August F. Winkler

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Weiterlesen: Mouton-Galerie: 1971 – Wassily Kandinsky

   

Seite 1 von 7

<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 Weiter > Ende >>

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Gratinierte Austern à la Tante Therese

Erzkonservative Austernfreunde verachten gegarte Austern als Barbarei. Gewiß...

weiterlesen

Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

weiterlesen