Mouton-Galerie: 1976 – Pierre Soulages

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten nebst den Weinen dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1976, gestaltet von Pierre Soulages.


1976: das Etikett

Soulages PierreDer am 24-Dezember 1919 im südfranzösischen Rodez geborene Pierre Soulages fand früh zur Kunst und galt, erst beeinflußt von Cézannes und Picasso, danach, als er sich in Paris nach dem Weltkrieg mehr und mehr der abstrakten Malerei widmete und mit Hans Hartung zusammen arbeitete, dank seines kraftvollen Stils als europäisches Gegenpol zu den amerikanischen abstrakten Expressionisten wie etwa Jackson Pollock. Zu seinen Malinstrumenten zählen so ungewöhnliche Werkzeuge wie grobe Bürsten, Besen, Holzstangen sowie sie sogenannten „lames“ (zwischen zwei Holzscheiben eingespannte Gummistücke), mit denen sich Rillen und Furchen gestalten, die Oberfläche also höchst individuell bearbeiten lassen.

Kritiker weisen gerne auf eine düstere Stimmung hin, die Soulages Bilder ausstrahlten. Der Künstler, übrigens ein Hüne von knapp zwei Meter Körpergröße, sieht das anders. Er, der seit 1979 bevorzugt Schwarz als seine Leitfarbe einsetzt, will zeigen, wie aus Schwarz Licht entsteht, denn er will „Papier zum Leuchten bringen“, insbesondere durch das von ihm so bezeichnete „Outrenoir“, also das „jenseitige Schwarz“.

Schwarz hat für Pierre Soulages eine tragende Rolle, etwa im sozialen Kontext: „Offizielle Amtsträger tragen Schwarz; zugleich ist es die Farbe der Anarchisten. Im Westen ist Schwarz die Farbe der Trauer, im Osten ist es dagegen Weiß. Die Farbe Schwarz ist auch eine Farbe des Festes: der Abendrobe bei den Damen. Schwarz steht für den Luxus, aber auch für das Gegenteil. Bei einer Benediktinerin, die eine schwarze Kutte trägt, ist es die Farbe der Strenge und Kargheit. In der Malerei ist das etwas anderes. Da ist Schwarz die aktivste Farbe überhaupt. Wenn man Schwarz neben eine dunkle, aber andere Farbe setzt, dann wird diese Farbe heller.“

(Seiner Heimatstadt Rodez hat der Künstler 500 Werke überlassen, die seit 2014 in einem eigens errichteten Museum in wechselnden Ausstellungen zu sehen sind – im Museum befindet sich auch das Café Bras, eine Brasserie, betrieben von den Dreisterneköchen Michel und Sébastian Bras – www.musee-soulages.rodezagglo.fr)

Das für das Mouton-Etikett ausgewählte Bild zeigt in Form einer Gouache und frei von jedweder Traubenseligkeit in Blautönen wie Kobalt die in breiten und kräftigen Bürstenstrichen gemalten Initialen „R“ und „M“ für Mouton-Rothschild.

1976: der Wein

Mouton Galerie_1976Die Natur kann perfide sein. Bis kurz vor Beginn der Ernte hatten Baron Philippe und sein Kellermeister noch einen sehr guten, vielleicht sogar großen Jahrgang erwartet, jedenfalls den besten des Jahrzehnts, aber dann platschte justament vor dem Start in die Weinberge - zwischen dem 11. und 15. September - schwerer Regen auf die bis dahin verheißungsvoll glänzenden Trauben. Die schwollen an, die Hoffnung war perdu. Zwar war der Jahrgang keineswegs ganz verloren, bereits erste Verkostungen vom Faß signalisierten einen Wein mit köstlicher Frucht, aber von Anfang an fehlte es an Intensität, Komplexität und speziell Tiefe, also Talenten für Größe und Langlebigkeit.

Ein besonderes Merkmal des 1976ers war seine frühe Trinkreife; der Wein gab sich selbst blutjung nicht abweisend. Wie bei anderen Jahrgangsspitzen à la Lafite, Ausone, Montrose, Pichon-Lalande, Léoville-Las Cases und Ducru bezauberte der Mouton schon Anfang der Achtziger die Nase mit einem feinen, raffinierten, einladend süßlich angehauchtem Bukett. Auch der Gaumen wurde umschmeichelt von fruchtigen, delikat austarierten Noten zwischen Cassis, Pflaume, Zedernholz, Gewürzen, Vanille sowie schwarzem Tee nebst etwas Schokolade und Minze, nur: Tiefe suchte man vergebens.

An diesem Geschmacksbild hat sich lange nichts geändert. Ende 1989 habe ich notiert: rubinfarben mit Orangerand, feinwürzige Cabernet-Sauvignon-Nase, köstlicher Duft nach Beeren (Himbeere, Cassis), Pflaumen, Gewürzen, Tee, schwarzer Trüffel, Minze. Rund gebaut, ausgewogen, ohne Ecken, durchaus finessig, aber mittelgewichtig und ohne Tiefe. Im Laufe der Jahre verblaßte die Frucht naturgemäß etwas, hinzu kamen Röstaromen wie toastige Noten, ergänzt um getrocknete Kräuter, Leder, Tabak, Minze. Das Tannin schob sich leicht in den Vordergrund.

Einige Flaschen waren bereits angezehrt, was nicht wundert, denn Mouton - wegen seiner Etiketten ein weltweit beliebtes Sammelobjekt - ist häufiger als andere Gewächse interkontinental verschoben worden mit entsprechend schlechten Lagerbedingungen. So finden sich in meinen Aufzeichnungen vor allem ab den Neunzigerjahren oft negative Bilder wie: bißchen flach, dünn, geschmacklich etwas gekocht wirkend, dürr, welk. Meine letzte Notiz stammt von 2015, eine Magnum in bestem Zustand - und siehe da, der 76er hat sich besser gehalten als erwartet (freilich wurde aus der Magnum getrunken): Aufhellendes Ziegelrot mit leichtem Braunrand. Einschmeichelndes Bukett mit Noten von Dörrpflaumen, Cassis, etwas Graphit, Minze, Zeder, Tabak, schwarzer Tee, Schokolade und Leder nebst einem sanften medizinalen Ton. Sublime Süße in Duft wie Geschmack. Ein wenig tanninbetont im Abgang, doch nicht adstringierend. Fazit: Charmante Morbidezza, für Liebhaber leicht überreifer Médoc-Gewächse immer noch ein Genuß, eine perfekt gelagerte Bouteille vorausgesetzt.

In den Chroniken ist 1976 als mengenmäßig große Ernte verzeichnet. Nach einem warmen Frühling und trockenen, sengend heißen Sommertagen jubilierten die Winzer bereits über einen großen Jahrgang. Die Zutaten für einen Prachtwein schienen gegeben. Doch vor und teils während der sehr frühen Ernte – ab 15. September – regnete es dramatisch, so daß die Trauben anschwollen mit der Folge, daß die Konzentration und Säure litten – immerhin zwei Faktoren für Langlebigkeit.

Vom 1976er sind gefüllt und nummeriert worden: 283 500 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 6 080 Magnums, Jéroboams, Impériales. Keine Angabe gibt es über die fürs Gutsarchiv bestimmten Flaschen, die „Réserve du Château“ (R.C.), die üblicherweise 5 000 Bouteillen umfaßt.

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 190 (untere Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen als l.s. für low shoulder oder b.s. für below shoulder gekennzeichnet, was einem hohen bis totalen Oxidationsrisiko entspricht) und 250 Euro (hohe Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen auch als h.s. für high shoulder oder t.s. für top shoulder gekennzeichnet: bestens gelagerte Flaschen, völlig akzeptabel bei älteren Weinen; auch ein u.s. für upper shoulder ist annehmbar).

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Karpfen polnisch à la Fürst Rudolstadt

Bei allem Respekt vor der neuen deutschen...

weiterlesen

Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

weiterlesen