Mouton-Galerie: 1946, Jean Hugo

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Der renommierte Weinhändler „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Chateaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und wird darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerkt, jede Bouteille zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, ab 1979 “Baron Philippe“, seit 1987 signiert „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1946.

1946 das Etikett:

Mouton Galerie_1946_Detail

Mouton Galerie_1946Jean Hugo, 1894 geboren (1985 gestorben) und ein Nachfahre des großen französischen Dichters und Nationalhelden Vicor Hugo, war der erste professionelle Maler, der ein Etikett für Mouton gestaltete (Philippe Jullian, der das 45er-Etikett entwarf, war Schriftsteller und Designer; Jean Carlu, der künstlerische Vater des Weins von 1924, hatte sich als Plakatdesigner einen Namen gemacht). Hugo war zunächst als Bühnenbildner tätig gewesen, 1921 berühmt geworden durch seine Bilder und Kostüme für Jean Cocteau’s „Les Mariés de la Tour Eiffel“. Er hat Bücher im Stile des erzählenden Surrealismus illustriert, Masken entworfen und galt als Meister von Miniaturen in Öl. Für die ihn umschwärmende Pariser Gesellschaft, in deren Mittelpunkt Baron Philippe de Rothschild eine Rolle spielte, hat er Phantasiekostüme gezeichnet.

Man muß wissen, daß es für Baron Rothschild damals noch schwierig war, renommierte Künstler für die Gestaltung der Etiketten zu finden; die Herrschaften sträubten sich, ihren Namen für angewandte Kunst herzugeben. Hugo ließ sich biblisch von der Apokalypse der Sintflut inspirieren und malte eine weiße Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel – ein Symbol des ersten Friedensjahres nach dem Krieg. Das 3,3 mal 6,3 Zentimeter große Bild ist in Tinte und Gouache gemalt. Sein Honorar waren fünf Kisten vom 1946er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1946 der Wein

Es ist der teuerste, doch beileibe bei weitem nicht der beste Mouton. Der hohe Preis von bis zu 10 000 Euro und mehr pro Fläschchen ergibt sich aus der Banalität der Zahl: nur 60 664 Flaschen sind in der Standardgröße gefüllt – und relativ hurtig getrunken worden, weil der Jahrgang, sandwichartig eingezwängt zwischen dem exzeptionellen 1945er und dem nur geringfügig prunkvolleren, doch eleganteren 1947er, als klein galt und nicht wert, länger aufgehoben zu werden. Laut Etikett sind zudem 12 Jéroboams, 864 Magnums und 3 000 Bouteillen als Réserve du Chateau nummeriert worden. Für Genießer ist der Wein uninteressant, wer jedoch seine Mouton-Sammlung komplett haben möchte, ist ein Opfer des Marktsystems von Angebot und Nachfrage.

Schon vor 48 Jahren, als ich laut meinem Wein-Tagebuch den ersten 1946er im Glas hatte, war der Wein mit wegwerfender Handgebärde eingeschenkt worden, quasi als eine vinologische Quantité négligeable. So schlimm war es aber nicht, zumindest damals nicht. Der Wein hatte Charme, ja einen gewissen Liebreiz, er wies eine gute Farbe auf, duftete gewürzig, leicht nach Waldbeeren und etwas Minze, war geprägt von Reifearomen wie Zedernholz, Leder, Tabak, Kaffee. Fünfzehn Jahre später lautete meine Notiz: rötlichbraun mit sanftem Glanz; das Bukett ist eine Mischung aus Waldboden, Kräutern und einem zarten Minzehauch; am Gaumen entfaltet sich eine pikante, schokoladige Süße, die allerdings stark von Gerbsäure durchzogen ist – ein hübscher Wein, ohne Tiefe und gar Finesse, kurz im Nachklang, aber besser als sein schlechter Ruf. Ähnliche Werte ergaben spätere Verkostungen; inzwischen ist der Wein, zumal aus Flaschen, die zu oft den Besitzer gewechselt haben, freilich spröder geworden, auch leer und tot. Er düftelt und schmeckt säurig, ungustiös wie Hustensaft nebst Lack, Lakritze und verfaultem Holz.

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