Mouton-Galerie: 1948, Marie Laurencin

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Der renommierte Weinhändler „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Chateaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und wird darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerkt, jede Bouteille zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, ab 1979 “Baron Philippe“, seit 1987 signiert „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1948.

Marie Laurencin1948 das Etikett:

Man nannte sie die Mädchenmalerin: Marie Laurencin, geboren 1885 in Paris und dort 1956 gestorben. Sie war bekannt für ihre romantischen, sanft getönten Bilder. Freilich, in jüngeren Jahren zählte sie zur Avantgarde. Apollinaire, der Dichter und Freund, beschrieb sie als "Schöpferin einer weiblichen Kunst", und er definierte das so: "Die weibliche Kunst hat eine maßgebende Position errungen und wird nicht mehr mit männlicher Kunst verwechselt werden. Weibliche Kunst, das ist Gefälligkeit, Freude, Bravour...". Damit würde Apollinaire heute wohl entschieden anecken, doch vieles von dem,was Marie Laurencin in ihren Gemälden, Theaterdekorationen, Tapeten, Stoffen und Bildillustrationen schuf, entspricht dieser Einschätzung. Dennoch ist es schwer, die Malerin stilistisch einzuordnen. Sie gehörte zum Pariser Freundeskreis der Kubisten, die sie beeinflußten. Sie gilt aber auch als eine Künstlerin, die im 20. Jahrhundert etwas vom spielerischen Charme des Rokokos fortleben ließ. Sie malte Landschaften, Blumen, vor allem jedoch kapriziöse Mädchenbildnisse. Und zwei Grazien, anmutig mit Weinlaub und Trauben dekoriert, schuf sie denn auch fürs Etikett des 1948er-Jahrgangs.

Ihr Honorar waren fünf Kisten vom 1948er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs ihrer Wahl.

Mouton Galerie_1948_gross

Mouton Galerie_19481948 der Wein

Ein milder Winter und warmer Frühling mit relativ früher Blüte ließen die Winzer erneut auf einen sehr guten Jahrgang hoffen. Der 1947er hatte sie ja verwöhnt. Im Juni gab es allerdings heftige Stürme und im Juli eine ungewöhnliche Kälteperiode. Im August und September war der Himmel dem Wein im Médoc jedoch wieder gnädig. Die Trauben reiften gut aus und hinzu kam ein solides Tanningerüst, das den Jahrgang prägte. Der 48er stand im Urteil der Öffentlichkeit zwar immer zwischen den beiden Superjahrgängen vor und nach ihm: 1947 und 1949. Tatsächlich hatte der 48er weder die würzige Opulenz des 47ers noch die seidige Eleganz des 49ers. Aber es ist ein Wein mit klaren Zügen und gesunder Muskulatur: ein klassischer Pauillac. Bestens gelagerte Flaschen vermitteln heute selbst in der Standardgröße noch ein feines Trinkvergnügen. In meiner Notiz vom Oktober 1992 steht: mittelrot, zartsüße Fruchtwürze in Duft und Geschmack, köstlich am Gaumen, fein nuancierte Aromatik. Ein delikater Wein ohne Schwere. Elf Jahre später habe ich eine deutliche Ermüdung notiert: Mahagonifarbe. Etwas lieblich nach Lack und Veilchen duftend; gezehrter Körper, säurig durchzogen, ziemlich verbraucht. Hingegen löste eine Magnum, 2007 nach kurzer Dekantierzeit getrunken, wiederum Begeisterung aus: dunkelrote Farbe mit leise aufgehelltem Rand. Ätherisch wirkende Nase mit Noten von getrockneter Feige, Leder, Tabak, Zedernholz und Minze – auch ein Parfum à la Cassislikör ist wahrnehmbar. Komplex gegliederter, gesund in sich ruhender Körper mit langem, von köstlicher Reifesüße geprägtem Nachklang.

Vom 1948er sind gefüllt worden: 12 Jéroboam, 24 Doppelmagnum, 1 320 Magnum, 96 214 Standardflaschen sowie 4 000 Bouteillen als Réserve du Château (R.C.).

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