Mouton-Galerie: 1954 – Jean Carzou

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Carzou JeanRichtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Chateaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Mouton Galerie_54_Detail

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, ab 1979 “Baron Philippe“, seit 1987 signiert „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1954.


Mouton Galerie_19541954 das Etikett

Der im Zeichen des Steinbocks als Sohn armenischer Vorfahren im syrischen Aleppo geborene Karnik Zouloumi (1907-2000), der sich später den Künstlernamen Jean Carzou zulegte, hat über das Studium der Architektur und die Zeichnung zur Malerei gefunden und zur Erklärung seines Schaffens gesagt: „Das Wunderbare ist meiner Meinung nach alles Unbekannte, das uns umgibt und dem wir nicht näher kommen. Für mich bedeutet es zum Beispiel die Präzision der Gestirne, den gesetzesmäßigen Aufbau der Natur oder, auf der anderen Seite, die Phänomene, die wir uns nicht erklären können. Es ist eine unermeßliche Welt, in der es keine Grenzen gibt.“

In seinen Werken verband er Realität mit Phantasie – und umgekehrt. Carzou malte abstrakte Landschaften, bevorzugt urbane und industrielle Szenen, Plätze ohne menschliches Leben, auch knorrige Bäume, zuglose Schienennetze, Kanonen und Raketen, farblich changierend zwischen düster und strahlend. Es wirkt, als habe er Träume, darunter auch hochdramatische, poetisch verarbeiten wollen. Menschen und zumal Frauen hat er gerne sphinxähnlich und geheimnisvoll abgebildet. Viel Anerkennung hat Carzou durch seine Arbeit als Bühnenbildner erfahren, fürs Schauspiel wie fürs Ballett: „Le Loup“ für Roland Petit (1953), „Giselle“ an der Pariser Oper (1954), „Athalie“ an der Comédie Francaise (1955).

Im Mittelpunkt seiner Zeichnung für das Mouton-Etikett steht die in seiner Graphik immer wiederkehrende, poetisch verklärende und zugleich verfremdende Frauengestalt. Carzou stilisiert eine Frau, die, eine Weinflasche in der weit ausgestreckten Hand, über einen Weinberg schreitet – in tänzelnder Pose auf einem Rad, dem Symbol der Sonne, ohne die der Wein nicht gedeihen kann.

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1954er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1954 der Wein

Das Weinjahr hatte geendet wie begonnen: kalt und regnerisch. Selbst die Weinblüte am 14. Juni schien gefröstelt zu haben, und danach sind lediglich sechs warme Tage im August und zehn sonnige Tage im September verzeichnet worden – nicht genug Wärme für einen guten Mouton. Der ab 11. Oktober besonders spät gelesene Wein zählte zwar zu den besten dieses miserablen Jahrgangs, aber das ist ein schwacher Trost. Baron Philippe reagierte in Abstimmung mit seinem Kellermeister entsprechend rigide, indem er nur die reifsten Trauben in die Presse ließ und nach der Faßlagerung erneut streng selektierte. Knapp 88 000 Normalflaschen sind – neben einer ungewöhnlich hohen Zahl von halben Flaschen - das Ergebnis und ein deutliches Merkmal für diese rigorose Auswahl (gegenüber 157 000 Bouteillen im sehr guten Folgejahr).

Laut meinen Notizen habe ich den 1954er nur drei Male getrunken. Zur ersten Flasche habe ich 1976 notiert: „Farbe im Kern schwarzrot, doch insgesamt etwas stumpf. Duft nach Unterholz mit feuchtem Laub. Markantes Trüffelaroma, das sich im Glas jedoch rasch verliert; es bleibt eine sanfte Süße nebst einer Spur von Minze. Geschmacklich von Gerbstoffen geprägt und von der Säure etwas überlagert.“ 1989, zweite Verkostung: „Mahagonifarben, Pilze in Reinkultur, gepaart mit ‚karamellisiertem‘ Maggi, geschmacklich nichtssagend, moderig, kurz, unehrenhaft verblichen.“ Der letzte Eintrag stammt von 2002 (Flasche von sehr guter Füllhöhe, nur kurz dekantiert): „Dünnes Hellrot mit Braunrand. Morbider Charme. Überreife signalisierendes Duftmix aus Zeder, welkem Laub, trüffeliger Süße, etwas Minze. Dünn und verbraucht im Geschmack, fruchtlos, sehr kurz. Nur noch für den Historiker interessant.“

Nun kann man mit der Barmherzigkeit des Liebhabers sagen, daß der Wein, gemessen am überaus schwachen Jahrgang, noch überraschend gut schmeckt, wobei die Betonung auf der Überraschung liegt. Aber selbst dann, wenn man vom stolzen, allein der Rarität geschuldeten Preis absieht, ist der 1954er aktuell allenfalls aus einer bestens gelagerten Flasche trink-, doch nicht genießbar und insofern viel zu teuer. Inmitten des 1953ers mit dessen seidiger Finesse und dem markanten 1955er mit der klassisch dichten moutonesquen Aromatik ist der 54er ein Unfall der Natur.

Vom 1954er sind gefüllt worden: 12 Jéroboams, 1 188 Magnums, 87 948 Standardflaschen, 87 948 halbe Flaschen sowie 2 000 als Réserve du Château mit R.C. gekennzeichnete Bouteillen. Der aktuelle Preis für den 1954er Mouton pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 1 200 und 2 000 Euro.

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