Mouton-Galerie: 1958 – Salvador Dali

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Dali SalvadorGleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert.

Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), wird es wohl ihr Sohn Philippe de Rothschild tun.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1958.


1958 das Etikett

Über Salvador Dali, 1904-1989, muß nicht langmächtig parliert werden. Der spanische Maler, Bildhauer, Phantast, leidenschaftliche Selbstdarsteller und Sohn eines streng erziehenden Notars mit gewissen psychischen Störungen in der Jugend und danach, zählt neben Picasso zu den populärsten Künstlern des 20. Jahrhunderts, was selbstverständlich aus seinem umfangreichen und außergewöhnlichen Werk resultiert, aber auch mit den vieltausend Graphiken und Billigdrucken zu tun hat, die er geschäftstüchtig und nie auf Geld spuckend in Umlauf gebracht hat. Dali, der sein Leben von früh an exzentrisch und provokant inszenierte, begriff sich als „vollständigen Surrealisten“, natürlich als weltweit einzigen dieser raren Spezies, denn sein Narzismus ließ neben ihm nichts blühen, ausgenommen seine Frau Gala, die er 1931 heiratete und die ihm fortan Lebensretterin gleichermaßen war wie Göttin, Muse und Managerin. Dahin schmelzende Uhren, Krücken, zerfetzte Glieder und wilde Tiere finden sich in seinen gemalten Welten des Todes, der Träume, des Rausches, der Angst, der Religion und der Erotik.

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Dali war wie besessen ständig auf der Suche nach sich, dabei maßlos hungrig nach Liebe, Anerkennung und Gala („…daß sich der eine bis in die tiefsten Tiefen des anderen hindurchbiß, hindurchfraß“). Zwei Eigenzitate zwischen Ironie und Ernst mögen das Wesen dieses grandiosen, von Sigmund Freud inspirierten Phantasten ein wenig beleuchten: „Mit drei Jahren wollte ich Köchin sein, mit fünf Napoleon. Mein Ehrgeiz hat sich nur gesteigert, so daß er heute nur mehr dahin zielt, nichts anderes als Salvador Dali zu werden. Das ist jedoch äußerst schwierig, denn in dem Maße, wie ich mich Salvador Dali nähere, entzieht sich dieser mir.“ Und: „Ich bin kein großer Maler, kein großer Geschäftsmann, aber ein Genie!“ Daß Dali mit Eigenlob nicht zimperlich war, erschloß sich auch Baron Philippe beim Studium der Skizzen fürs Etikett. In die Mitte des gekräuselt dargestellten Rothschild-Widders hatte der Künstler seinen Namen eingearbeitet – und im Hintergrund der Originalzeichnung, doch auf dem Etikett nicht zu sehen, selbstbewußt in Anspielung auf Mouton notiert: „Aussi très bon“, was so viel heißt wie „Auch sehr gut“!

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1958er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

Mouton Galerie_581958 der Wein

Im Archiv von Château Mouton-Rothschild findet sich eine Wetternotiz: „Im April keine Helligkeit, im Mai regnerisch und sehr kalt und gar im Juni zum Verzweifeln sehr regnerisch und empfindlich kalt. Erst ab Juli und im August begann die Sonne ihren Wettlauf mit der Zeit bis zur Ernte ab 9. Oktober.“ Der Baron und sein Kellermeister hatten sich gesorgt, sie hatten gebangt und gehofft, aber das Wetter war perfide und versagte ihnen einen großen Mouton. Drei Notizen habe ich zum Wein gefunden – 1982: helle, doch gute Farbe. Bukett nach schwarzen Johannisbeeren, eingelegten Pflaumen, etwas Tabak, getrockneten Kräutern, Minze. Mittleres Gewicht, hat leichten fruchtigen Charme, fällt jedoch kurz ab. Unter Berücksichtigung des kleinen Jahres ein gelungener Wein mit sanfter, kräuterig durchwobener Süße und etwas Bitternis im Abgang. 1989: mittelrot mit Orangetönen. Duftend wie ein älterer Chianti, nach kandierten Veilchen, auch etwas Teer, Kräutern und Leder nebst einem Hauch von Minze. Trocken und spröde im Geschmack, kurzer Abgang. 2004: hellrot mit bräunlich gefärbtem Rand. Grüne vegetabile Noten prägen das Bukett, auch Kräuter sind wahrnehmbar, ferner Tabak sowie Waldlaub und Heu. Die Frucht hat sich weitgehend zurück gezogen, Gerbstoffe und Alkohol dominieren, der Wein wirkt eindimensional.

Vom 1958er sind gefüllt und nummeriert worden: 1 422 Magnums, 130 488 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 3 000 Réserve du Château (R.C.).
Der aktuelle Preis für den selten gewordenen 1958er-Mouton pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 700 und 1 300 Euro.

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