Mouton-Galerie: 1959 – Richard Lippold

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Lippold RichardGleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), wird es wohl ihr Sohn Philippe de Rothschild tun.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1959.


1959 das Etikett

Der am 3. Mai 1915 in Milwaukee geborene – und am 22. August 2002 in Roslyn, New York, gestorbene - Künstler mit deutschen Wurzeln hat als Industriedesigner und Lehrer für Formgestaltung begonnen, doch schon früh in den Vierzigerjahren mit künstlerischen Arbeiten für internationales Aufsehen gesorgt. Seine hängenden Drahtfädengespinste, Spinnennetzen ähnlich, wucherten bald zu gigantischen, gleichwohl schwerelos wirkenden architektonischen Plastiken aus. Das erste große Werk, entstanden 1950 und betitelt „Full Moon“, ist umgehend vom Museum of Modern Art in New York aufgekauft worden, desgleichen die drei Jahre später mit Goldfäden geschaffene Skulptur namens „The Sun“. Weitere seiner monumentalen Skulpturen stehen in öffentlichen Bauten wie dem Lincoln Center („Orpheus and Apollo“, datiert 1962), dem Pan American Building („Flight“ von 1963) sowie der St. Mary-Kathedrale in San Francisco („Baldacchino“). Lippold war ein exzellenter Techniker und verliebt in Metall, das ihm in Form von Fäden, Drähten und Rohren aus Eisen, Kupfer, Gold, Silber und Messing den Stoff für seine bevorzugt linear und netzartig angelegten Werke bot. Metalldrähte, so hat er gesagt, erlaubten ihm das Schaffen von Skulpturen zur Bezwingung des Raums. Mit seinen konstruktivistisch gestalteten Metall-Kompositionen gelang es ihm, Räume geometrisch neu zu ordnen. Für das Mouton-Etikett übersetzte er in seiner abstrakten Kunstsprache die Reben-Reihen im Weingarten mit den rot gereiften Trauben in ein Bild von zaubrischer Schönheit und Anmut.

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Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1959er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1959 der Wein

Mouton Galerie_59_neuGlücklich zu preisen ist, wer diesen Wein noch im Keller liegen hat – vielleicht sogar in einer der rar gewordenen Großflaschen, jedenfalls bestens gelagert und natürlich echt, also nicht gefälscht. Der Hinweis auf die Originalität der Flasche ist ebenso angemessen wie der auf ihren Lebenslauf. Derartige Pretiosen werden gerne und zunehmend mit ihrem materiellen Wert gebastelt. Und speziell Mouton-Bouteillen, die ja neben ihrer Weinklasse zusätzlich wegen ihrer Etiketten gesuchte Sammlerstücke sind, werden oft zwischen Händlern und Kontinenten mit der Folge verschoben, daß der Wein mangels korrekter Lagerqualität leidet und nicht selten kollabiert. (In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Aktion der Madame Bise-Leroy, der burgundischen Sonnenkönigin, die einen größeren Posten 1985er Grands Crus aus den USA zurückholen ließ, weil sie feststellen mußte, daß der Händler die Flaschen unklimatisiert in einer simplen Halle ebenerdig gelagert hatte.) Nach diesen Präliminarien zurück zum Wein, der in Bestform nach wie vor ein Hochgenuß ist – und dies über Jahre hinaus bleiben wird. Schon der Blick aufs Etikett weckt Sehnsüchte und die Begehrlichkeit nach mehr! Von etlichen Verkostungen greife ich nur zwei heraus. Im April 1992 hatte Klaus Wagner im Landhaus Bacher im Rahmen einer Gala mit Mouton-Raritäten auch den 1959er aus der Magnum serviert. Eine Flasche war passé, aber bei der zweiten notierte ich überschwänglich: Dunkles, nahezu schwarzes Purpurrot. Reiches Bukett in Moll-Tönen à la Cassis, schwarzem Trüffel, Zedernholz, Vanille, Minze. Der Körper hat Dichte und Tiefe, er ist muskulös, mächtig gebaut, noch nicht auf seinem Höhepunkt – die Gerbstoffe sind weich, doch zeigen sie eine zupackende Präsenz, sind also noch nicht samtig gerundet. Der Nachklang ist lang und geprägt von feiner Süße. Nebenbei bemerkt ist an diesem denkwürdigen Abend auch eine Flasche „Branne Mouton“ entkorkt worden – mehr über diese aus dem frühen 19. Jahrhundert stammende Vorgängerin von Mouton-Rothschild, eine Rarissima, folgt in der Feinschmeckerey. Ausgereift und in Spitzenform gab sich im September 2012 der 59er aus einer Normalflasche: Dunkles Rot mit nur leichter Aufhellung. Dicht und fein gewobenes Bukett mit Noten von Cassis und Trüffel nebst etwas Leder, Tabak, Kaffee, Graphit und der typischen Minze. Der Körper hat immer noch enorme Kraft, aber die ist nicht mehr so wuchtig zugunsten von Finesse. Der Wein legte trotz einstündigem Dekantierens im Glas weiter zu, er wurde zunehmend vielschichtiger, feiner, ja suggestiver in seinem Ausdruck, ohne an Kraft zu verlieren. Ein langer Abgang mit zarter Süße krönte das unvergeßliche Erlebnis. Man kann auch sagen: Der 1959er ist ein Wein von verschwenderischer Noblesse, einfach moutonesque im besten Sinne.

Der Winter war mild, der Frühling warm, nach der Rebblüte am 7. Juni ging es trocken und heiß weiter bis zum ersehnten Regen im September, doch ab dem 28. September, als die Ernte begann, war es erneut trocken und warm. Wegen seiner geringen Säure und des hohen Alkoholgehalts prophezeiten Kritiker dem Wein eine geringe Lebensdauer – ein kapitaler Irrtum, der Wein beschämte diese Ungläubigen, die zudem übersahen, daß auch andere Jahrgänge mit ähnlichen Werten wie 1945 und 1947 schier unsterblich gerieten.

Vom 1959er sind gefüllt und nummeriert worden: 151 744 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 2 091 Magnums, 116 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 2 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis für den 1959er-Mouton pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 1 800 und 2 500 Euro (zum Vergleich: noch 1990 war eine Bouteille bei Grand Cru Select für 630 DM im Angebot).

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