Mouton-Galerie: 1960 – Jacques Villon

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Villon Jacques_PortraetRichtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Villon JacquesGleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), wird es wohl ihr Sohn Philippe de Rothschild tun.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1960.


1960 das Etikett

Mouton Galerie1960_Detail

Der als Gaston Duchamp in eine künstlerisch hochaktive Familie geborene Jacques Villon (1875-1963) studierte erst Rechtswissenschaften, bevor er sich seiner eigentlichen Passion widmete, der Malerei. Als Maler, Grafiker und Illustrator kultivierte der Sensibilist eine feinnervige, leicht ins Abstrakte weisende Figürlichkeit in landschaftlichen Zusammenhängen. Seinem Lieblingsdichter Villon zu Ehren nahm er dessen Namen an – auch, um sich von seinen Brüdern, dem Bildhauer Raymond Duchamp sowie Marcel Duchamp, dem berühmten Konzeptkünstler, zu unterscheiden. Villon begann als Karikaturist und satirischer Zeichner für berühmte Magazine (wie Gil Blas, Chat Noir und L’Assiette au beurre), er entwarf Plakate und schuf in Puteaux, seinem Wohn- und Sterbeort nahe Paris, um die 700 Gemälde. In seinem Atelier in Puteaux wurde die berühmte „Section d’Or“ gegründet, der u.a. Léger, Gris, Albert Gleizes, Picabia und die Geschwister Duchamp angehörten. Das Ziel dieser „Goldener-Schnitt-Gruppe“ war eine abstrakt gesetzhaft zu konstruierende farbige wie formale Schönheit. Farbe und Licht waren für Villon bestimmende Elemente seiner an geometrischen Formen orientierten Malerei. Internationales Renommee stellte sich relativ spät ein, nämlich ab den Vierzigern des vorigen Jahrhunderts, als ein Galerist seine Arbeiten entdeckte hatte. Danach hagelte es Auszeichnungen wie den Carnegie-Preis (1950), den Großen Preis der Biennale von Venedig (1956), die Teilnahmen bei der documenta in Kassel (1955, 1959 sowie postum 1964).

Für das Etikett schuf Villon über einen stilisierten Weinberg hinweg fliegende Vögel in geometrischen Formen und weich gesetzten Farben – eine für ihn charakteristische Komposition von subtiler Schönheit. „Ils vont dans le vignes, les oiseaux…“ hat er in Abwandlung eines damals populären Chansons unter seine Grafik geschrieben: Sie gehen in die Reben, die Vögel...

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1960er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1960 der Wein

Mouton Galerie_1960Unter allen 1960ern, die ich getrunken habe, war nur eine Flasche, die gewisse Freude bescherte, und das war 1985: Helles Rubinrot von gesunder Art. Sanftes, süßlich angehauchtes Bukett mit Noten von Zedernholz, Vanille, Eukalyptus, ein bißchen Honig, Gewürzen und Kräutern à la Lorbeer. Kleiner Körper mit leichter Frucht, tanninig durchwoben. Ist überreif, hat noch Finesse, aber die trägt in sich bereits das Mal baldiger Morbidität. Der Wein verblühte im Glas. Absolut gesehen hatte Mouton das Optimale aus dem kläglichen Jahrgang herausgeholt; neben Latour zählt der Wein zu den Jahrgangsbesten. Die Flaschen danach – alles Standardgrößen - hatten nur noch historische Bedeutung. Die Farben changierten zwischen Rost und Mahagoni, geschmacklich wirkten die Weine leer, spröde, abgestanden, austrocknend. Ein Wein hatte laktische Töne, ein anderer roch und schmeckte bereits muffig. Tadellos gelagerte Großflaschen können noch über gewissen Charme verfügen, aber in der normalen Eintel fehlt den Weinen wohl jegliche Generosität.

Baron Philippe, Gott hab’ ihn selig, hatte sich seinen eigenen Worten zufolge vom Jahr betrogen gefühlt. Zwischen Januar und Juli stand alles zum Besten. Der Winter war mild, März und April trocken und warm mit geringer Feuchtigkeit, der Mai geriet prächtig, auch Juni und Juli beglückten den Winzer, die Beeren reiften in Schönheit. Und dann begann das Fiasko: Im August setzte Regen ein, der sich im sonnenlosen September noch verstärkte; außerdem war es empfindlich kalt. Desillusioniert gab der Baron am 22. September das Startzeichen für die Ernte.

Vom 1960er sind gefüllt und nummeriert worden: 189 422 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 740 Magnums, 103 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 2 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis für den selten gewordenen 1960er-Mouton pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 600 und 2 000 Euro (zum Vergleich: noch 1985 war eine Bouteille für 300 DM im Angebot).

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