Mouton-Galerie: 1961 – Georges Mathieu

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux, Mouton und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

DMathieu Georgesas erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), wird es wohl ihr Sohn Philippe de Rothschild tun.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1961.


1961 das Etikett

Malen war für Georges Mathieu (1921-2012) ein leidenschaftlicher, auch ungestümer Kampf mit Farbe und Pinsel. International bekannt, ja berüchtigt war er für seine turbulenten Auftritte in der Öffentlichkeit, in denen er auf der Bühne in rasantem Tempo binnen weniger Minuten großflächige Bilder im Stile des ungegenständlichen Informels malte, besser gesagt: Mathieu klatschte in solchen spektakulär inszenierten Malshows die Farben gegen die Leinwand und sagte: „Nur so kann ich mein Innerstes unverfälscht zum Ausdruck bringen.“

Mouton Galerie_1961_Detail

Manchen Kunstkritikern war das zu schlicht interpretiert, sie sahen in den explosiv entstandenen Bildern einen „verborgenen Sinn“. Für Mathieu, der bereits während seinen Studiums der Philosophie mit der Malerei begann und anfangs realistische Porträts sowie Landschaftsbilder schuf, sich jedoch bald – auch inspiriert von Wols und Hartung, zwei Ikonen des Tachismus – der Abstraktion zuwandte („Das bloße Nachäffen der Natur ist nicht meine Sache“), waren es intuitiv entworfene Malakte; er selber rühmte sich in Interviews als Erfinder der „lyrischen Abstraktion“ und erklärte seine Tempomalerei so: “Ich glaube, dass die Schnelligkeit des Schöpfungsaktes eine der wichtigsten Voraussetzungen meiner Malerei ist. Auf jeden Fall bin ich der erste Maler, der den Begriff der Schnelligkeit in der Malerei des Abendlandes einführte. Ich bin überzeugt, allein die Schnelligkeit des Handelns macht es möglich, das, was aus den Tiefen des Wesens aufsteigt, zu erfassen und auszudrücken, ohne dass sein spontaner Ausbruch durch rationelle Überlegungen und Intervention zurückgehalten und geändert wird.“ Zahlreiche internationale Ausstellungen sowie die Teilnahme bei der „Documenta II“ 1959 in Kassel unterstrichen und festigten seine Reputation. Mathieu hatte ein unverkrampftes Verhältnis zur Verbindung von Kunst mit Kommerz, er zeichnete für Pierre Cardin, entwarf Plakate für Air France, malte für Juweliere und schuf Vorlagen für Gobelins.

Das Etikett ist ein typisches Beispiel für den energischen und zugleich von poetischer Grazie, ja Schönheit getragenen Stil von Georges Mathieu. Die Komposition zeigt einen stilisierten Rotweinfleck, umgeben von goldenen Linien und Tupfern, die in ihrer Sinnlichkeit an japanische Kaligraphien erinnern.

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1961er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1961 der Wein

Mouton Galerie_1961Zufall in Form einer launischen Natur und Absicht als bewußtes menschliches Handeln haben den Wein geprägt. Das Wetter war im Frühjahr wieder einmal perfide: Nach einem ständigen Wechsel von Kälte und Wärme folgte Ende Mai ein Frosteineinbruch, so daß ein Großteil der Blüten unbefruchtet blieb mit der Folge, daß durch Verrieselung bis zu zwei Drittel der Ernte verloren ging. Danach, als wollte die Natur gut machen, was sie zuvor angerichtet hatte, folgte ein traumhafter Winzersommer. Die meisten Güter im Bordelais begannen schon Mitte September mit der Ernte, doch Baron Rothschild entschied sich für Geduld und gab erst am 2. Oktober das Signal zum Start für die Lese. Das Ergebnis dieses Mehr an Sonne waren naturgemäß Trauben von hoher Fruchtkonzentration, die schließlich einen Wein von legendärer Kraft entstehen ließen, der, ideale Lagerverhältnisse vorausgesetzt, bis heute strahlt – und dies nicht nur in der Großflasche ab der Magnum.

Das Besondere an diesem 61er ist die Kombination von Reichtum und Eleganz; nicht wenige Weinfreunde sehen in diesem Jahrgang den letzten Vertreter des sogenannt klassischen Médoc-Stils. Tastsächlich ist danach in den 60ern wie auch in den 70ern nichts vergleichbar Großes gewachsen, und der 1982er läutete durch seine geradezu ungenierte Üppigkeit eine neue Weinära des Überflusses ein. Noch am ehesten läßt sich als Pendant zum 61er der 86er anführen, der zumal bei Mouton gleichfalls Wucht mit Finesse vereint.

Als ich 1974 meinen ersten 61er trank, war ich augenblicklich fasziniert. Das unergründlich dunkle Rot mit Purpur erfreute das Auge. Rote Früchte (Schwarzkirsche, schwarze Johannisbeere, Brombeere), Zedernholz, Vanille und Minze prägten nebst einem Hauch von Pfeffer sowie schwarzer Trüffel das Bukett von eindringlicher, ja suggestiver Kraft. Geschmacklich tapezierte der Wein den Gaumen: reich und mächtig, aber nicht breit, sondern intensiv und zugleich von raffinierter Vielschichtigkeit sowie Nachhaltigkeit und jenem Hauch von Süße, der große Weine schon in ihrer Jugend auszeichnet. Weitere 61er, getrunken in den Achtzigern und im April 1992 im schönen Landhaus Bacher in der Wachau unterstrichen die Größe dieses Ausnahmeweins. Ich notierte: „Dunkle Farbe. Verführerisches Bukett voller Finesse. Hier überflügelt die Eleganz die pure Kraft. Der vollfruchtige Wein schmeichelt dem Gaumen durch seine noble, bestens gerundete Art. Geschmeidiger, würzig unterlegter Körper, moutonesque in seiner besten Form! In der Eintel ist er auf seinem Höhepunkt, in großen Formaten wie der Magnum liegen noch Reserven.“

Zwischen 1974 und heute gab es freilich auch Flaschen, deren Inhalt enttäuschte, jedenfalls nicht den zurecht hohen Erwartungen gerecht wurde. Das überrascht nicht, denn kein anderer Wein ist interkontinental so oft – und bei schäbigen Lagerbedingungen - verschoben worden wie Mouton, den ja nicht nur Trinker begehrten, sondern auch Sammler, denen es in erster Linie ums Etikett ging (zumal aus Übersee reimportierte Bouteillen sind mit Vorsicht zu betrachten). Wie gut sich ein respektvoll behandelter 1961er hält, zeigte eine Verkostung vor einem halben Jahr: Dunkles Rot, leicht ins Granatige spielend mit zarter Aufhellung am Rand. Fein gereiftes Bukett mit Noten von eingelegten Pflaumen, schwarzer Kirsche, Cassis, Vanille und der typischen Minze nebst etwas Schokolade, Süßholz, Tabak und Gewürzen. Eine zarte Süße charmierte Nase wie Gaumen. Geschmacklich paarten sich dichte Frucht mit geschmeidiger Fülle und Finesse in einem langen Nachklang; das Tannin ist reif – in der Eintel beginnt es leicht trocken zu werden, in der Magnum unterstützt es noch aufbauend das prächtige Fruchtgewebe.

Vom 1961er sind gefüllt und nummeriert worden: 76 732 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 900 Magnums, 72 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 2 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis für den infolge der geringen Ernte sehr selten gewordenen 1961er-Mouton pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 1 500 und 2 500 Euro (zum Vergleich: noch 1985 war eine Bouteille für 700 DM im Angebot). Eine Magnum ist kaum unter 5 000 Euro zu bekommen.

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