Mouton-Galerie: 1962 – Roberto Matta

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux, Mouton und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

MattaRichtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), wird es wohl ihr Sohn Philippe de Rothschild tun.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1962.


Mouton Galerie_1962_Detail1962: das Etikett

Der am 11. November 1911 in Santiago de Chile geborene und am 23. November 2001 im italienischen Civitavecchia gestorbene Roberto Antonio Sebastian Matta Echaurren, der sich selber nur kurz Matta nannte und unter diesem Namen wirkte und berühmt wurde, war ein Surrealist der zweiten Generation, beeinflußt von Dali und Breton, mehr noch von Yves Tanguy und Marcel Duchamp. Nach einem in Chile absolvierten Architekturstudium ging Matta 1933 nach Paris, wo er ein Jahr im Büro von Corbusier arbeitete, dann auf Reisen ging und sich mit Künstlern traf, darunter auch Salvador Dali, der ihn an André Breton weiter empfahl, der ihn 1937 kurzerhand und ungefragt zum Surrealisten erklärte. Matta war’s recht, er, der bis dahin literarisch mit Feuilletons über Architektur aktiv war und Skulpturen schuf, begann 1938 in Paris mit der Malerei, doch schon 1939 flüchtete er angesichts des drohendes Kriegs nach New York, wo er malerisch sehr erfolgreich war. Nach dem Krieg kehrte er 1948 nach Paris zurück, bis er sich schließlich in Italien niederließ.

Als Künstler beschwor Matta, der sich intensiv mit Physik und dem Entstehen der Welt befaßte, auch politisch auf Seiten der Unterdrückten aktiv war, das Unsichtbare, das er für seine Malerei so deutete: „Einzig das, was man mit geschlossenen Augen sieht, zählt für mich.“ Die Malerei war für ihn ein Akt der Transformation, durch den Unterbewußtes für einen Augenblick bewußt gemacht und auf die Leinwand gebannt werden konnte. Anfangs verwendete Matta dünn aufgetragene Farben, die er durch kristallartige Pigmentanhäufungen zur Wirkung brachte; später hat er seine biomorphen Gebilde mit einem feinen Gitterwerk überzogen, das den Eindruck transparenter Flächen und Facetten entstehen ließ. Danach verzichtete er auf die Form und überließ die Bildgestaltung ganz dem Zufall: Durch Zerreiben und Zerklopfen der Farbe, die er nach Art der informellen Malerei einfach auf die Leinwand schüttete, schuf er prächtige Farbmodulationen. Bekannt ist Matta auch für seine Dämonologie, bestehend aus phantastischen Kreaturen zwischen seltsam insektenähnlichen, halb roboterhaften Automaten und halb organischen Wesen – Gebilden zwischen Ordnung und Chaos, Zufall und Plan, einladend für Assoziationen.

Das streng komponierte Etikett zeigt in Tusche einen knorrigen, skelettartig weit verzweigten Rebstock mit roten, Trauben stilisierenden Tupfern, flankiert von einem, den Jahrgang rühmenden Zitat „Son tendre velouté séduit les plus rebelles“, was ungefähr heißt, daß die samtene Zartheit des Weins selbst die rebellischsten Aufrührer, selbst das harteste Herz verführen und bezaubern wird.

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1962er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

Mouton Galerie_19621962: der Wein

Daß nicht Tatsachen, sondern oft genug Meinungen über Tatsachen das Bewußtsein bestimmen, zeigte sich exemplarisch auch am 1962er. Der Jahrgang stand von Geburt an im Schatten seines zurecht als besonders groß gerühmten Vorgängers, dem 1961er, einem sogenannten Jahrhundertjahrgang. Erste Verkostungen vom Faß schienen das Urteil, der 62er sei ein Wein mit geringen Talenten, zu bestätigen. Die Farbe war wohl kräftig, aber in den Testaten wimmelte es von negativen Begriffen wie ruppig, grün, bitter, hart. Erst Jahre später wurde der wahre Wert dieses sich erst später in Schönheit offenbarenden Jahrgangs erkannt (nebenbei bemerkt: bei Lafite hat mich der 62er stets mehr beeindruckt als der knauserig veranlagte 61er).

Gegen Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre begann sich der Wein zu öffnen und in schöner Fülle zu erblühen, aber noch 1982 habe ich über den Wein notiert: „Dunkelrot ohne Gelbrand. Warmwürziges Bukett, kraftvoller, reichhaltiger Körper mit dunklen Früchten und süßlichem Zedernholz nebst etwas Nougat und Minze. Festes, präsentes Tannin, noch etwas hart im anhaltenden Abgang. Benötigt Reife.“ Genau zehn Jahre später, anläßlich einer grandiosen Mouton-Gala im schönen Landhaus Bacher in der Wachau, fand ich den Wein bereits auf einem Höhepunkt: „Mittelrote, gesunde Farbe. Dicht geflochtener Fruchtkörper mit Noten von dunklen Früchten (Cassis, Brombeere), flankiert von Zedernholz, Zigarrenkiste, etwas Schokolade, Minze und ein wenig Kaffee. Delikater Wein mit Fülle und Finesse. Langer Nachklang.“

Dieser Steckbrief gilt in seinem Kern bis heute, vorausgesetzt, die Flasche entstammt erstklassiger Herkunft, ist also bestens gelagert worden und hat möglichst wenig oder keine Besitzerwechsel erlebt. Ich hatte das vergnügliche Glück, bis 2011, meiner letzten Begegnung mit dem 1962er, einige Flaschen zu trinken, die mir ausnahmslos gefielen. Naturgemäß hat der Wein an Reife zugelegt, ist die ursprüngliche Fülle einer Zartheit gewichen, hat sich die Kraft ins Ätherische gewandelt, haben Röstaromen die Frucht besetzt, ist aber auch das anfänglich robuste Tannin weich geworden. Kurzum, vor vier Jahren freute ich mich über einen fein komponierten Mouton, der noch dunkelrot glänzte, über ein eindringliches Bukett verfügte und mit Aromen à la roten Früchten, süßlichem Zedernholz, Nougat, Kaffee und Minze bezauberte. Der Wein war samtig texturiert, einfach liebenswert, in seiner sanften Sinnlichkeit vielleicht so etwas wie ein „burgundischer“ Mouton.

Das Frühjahr hatte kalt und regnerisch begonnen, die Blüte relativ spät um den 18. Juni herum eingesetzt. Der Sommer war bis in den warmen September hinein von der Sonne geprägt, doch gab es immer wieder kühle Tage mit Regen, auch Gewitter, was die Ernte, die auf Mouton am 10. Oktober startete, jedoch nicht beeinträchtigte.

Vom 1962er sind gefüllt und nummeriert worden: 149 266 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 1 708 Magnums, 34 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 2 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis für den 1962er-Mouton pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 500 und 1 000 Euro; die Magnum wird um die  1 500 bis 2 000 Euro gehandelt.

 

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