Mouton-Galerie: 1963 – Bernard Dufour

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux, Mouton und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), wird es wohl ihr Sohn Philippe de Rothschild tun.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1963.


1963: das Etikett

dufour bernardBevor Bernard Dufour, am 21. November 1922 als Sohn eines Kunstmalers in Paris geboren, 1945 seine Karriere als Maler der Abstraktion startete, studierte er Ackerbautechnik. Er kopierte im Louvre die Werke von Michelangelo und Tintoretto, doch schon 1948 heimste er Beifall ein für seine erste Ausstellung abstrakter Werke im Salon de Mai. Es folgte internationale Anerkennung, gekrönt im Jahre 1959 durch seine Teilnahme an der documenta 2 in Kassel. Zwei Jahre später etablierte sich Dufour in einer alten Mühle am Aveyron bei Foissac, seinem neuen Wohnort.

Um 1960 wechselte der Künstler stilistisch von der Abstraktion in eine eher gegenständliche, doch durch Lichtspiegelungen und gazeartige Verschleierungen leicht verfremdete Darstellung von Frauenakten und Selbstporträts – mit traurigen, wie in ferne geistige Welten starrenden Augen. Seine Malerei wirkt nun romantisch, träumerisch und geheimnisvoll mit teils erotischem Anhauch; die Bilder vermitteln gemalte Melancholie. In den 1970ern wandte sich Dufour neben der Malerei der Photographie zu; 1991 steht sein Leben im Mittelpunkt des von Jacques Rivette gedrehten Films „La Belle Noiseuse“.

Mouton Galerie_1963_Detail
Den für Bernard Dufour typischen Stil der Verschleierung verkörpert das Etikett, auf dem eine nackt auf dem Rücken liegende Frau lachend mit einer großen Weinrebe posiert. Die Bildzeile unterstreicht die Sinnlichkeit des Porträts: „Ainsi quand des raisons j’ai sucé la clarté“, was so viel heißt wie: Als wenn ich die Essenz aus den Trauben saugen würde…

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1963er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1963: der Wein

Mouton Galerie_1963Das Jahr hatte kalt begonnen, die Blüte setzte spät ein, auch der Sommer zeigte sich ungnädig mit Feuchtigkeit und Stürmen. Es galt, der Fäulnis Herr zu werden. Erst zu Beginn der späten Ernte in der ersten Oktoberwoche war es warm und trocken, doch das konnte den Jahrgang nicht mehr retten, der in den Chroniken als besonders dürftig verzeichnet wird und in seiner Armseligkeit mit dem 1965er wetteifert. Gleichwohl ist Mouton - wie oft in mageren Jahrgängen - trotz der widrigen äußeren Bedingungen ein Wein von leichter Art gelungen, der durchaus Charme aufweist und viele seiner Nachbargewächse hinter sich ließ.

Den letzten 1963er hatte ich 2009 im Glas und überrascht notiert: Trotz deutlicher Reife, wie bereits mit freiem Auge am hellen Granatrot mit bräunlichem Schimmer und Wasserrand auszumachen, gefiel der Wein durch eine sanfte Würze, geprägt von Tabak, Zedernholz, Leder, Gewürznelke – im Hintergrund schwang sogar noch eine leise Fruchtnote à la eingelegte Pflaumen nebst etwas getrockneten Beeren mit. Und natürlich war ein Hauch von Minze wahrnehmbar. Eine burgundisch zu nennende sanfte Süße sorgte für Einsprengsel von schmeichlerischer Finesse. Ganz anders bot sich hingegen eine Verkostung aus dem Jahre 1989 dar: Helles Rubinrot mit deutlichem Rostrand bis hin zu Mahagoni-Schimmer. Welkes Bukett, spröde und nahezu fruchtlos; streng am Gaumen mit kurzem, kraftlosem Abgang.

Vom 1963er sind gefüllt und nummeriert worden: 106 284 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 1 314 Magnums, 45 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 3 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Robert M. Parker stufte den Wein als „wertlos“ ein – ein harsches Urteil, freilich bezogen auf den reinen Weinwert. Da die Ernte klein war, weniger Flaschen als normal gefüllt worden sind und der Wein wegen des als sehr gering eingestuften Alterungspotentials früh getrunken worden ist, zählt er zu den raren Moutons. Der aktuelle Preis pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 1 100 und 1 900 Euro; bei Auktionen dürfte er günstiger zu ersteigern sein, sofern nicht ein Etikettensammler heftig mitbietet.

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