Mouton-Galerie: 1965 – Dorothea Tanning

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Dorothea TanningRichtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch Tanning Dorothea_Man_Ray_1946für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), ist es ihr Sohn Philippe de Rothschild.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1965.


1965: das Etikett

Das künstlerische Schlüsselerlebnis der Dorothea Tanning, am 25. August 1910 in Galesburg, Illinois, geboren und am 31. Januar 2012 in New York gestorben, war 1936 die „Fantastic Art, Dada and Surrealism“ betitelte Ausstellung im Museum of Modern Art in New York. Die Autodidaktin, die sich, neugierig und weltoffen, ihr hohes technisches Können selber beigebracht hat – als Farbkompositorin galt sie als Naturtalent - , war fasziniert vom Surrealismus, der ihre Werke als Malerin, Bildhauerin und Schriftstellerin stark prägte. Erotische Metaphern und kühne Phantasien kennzeichnen ihren Stil gleichermaßen wie monströse florale Gebilde, Albträume und Mädchen in strengen, ja unheilverkündenden Posen. In späteren Werken galt ihr Interesse zunehmend dem weiblichen Körper, autobiographische Elemente eingeschlossen.

Max Ernst war von der schönen und selbstbewußten Frau derart beeindruckt, daß er sich von Peggy Guggenheim trennte und 1946 Dorothea Tanning, der er vier Jahre zuvor erstmals begegnet war, in vierter Ehe heiratete – in Beverly Hills im Rahmen einer Doppelhochzeit mit Juliet Browner und Man Ray, dem Photographen. Das Paar war fortan unzertrennlich, sie lebten und arbeiteten erst in den USA, danach in Frankreich, wo Max Ernst am 1. April 1976 in Paris starb. Zwei Jahre danach ging die Künstlerin nach New York zurück. Max Ernst hatte seiner Frau zu deren Geburtstagen und anderen Jubiläen getreulich ein Bild gewidmet, in dem als Liebeserklärung jeweils ein „D“ eingearbeitet ist; die 36 „D-Paintings“ sind im Max-Ernst-Museum in Brühl bei Köln zu sehen.

Mouton Galerie_1965_Detail

Die von kristalliner Schärfe zeugenden Arbeiten von Dorothea Tannings sind in zahlreichen Ausstellungen gewürdigt worden, das Centre Pompidou hat sie 1974 mit einer Retrospektive ihrer Werke geehrt. Sie war Teilnehmerin an der „documenta II“ in Kassel, hat Kostüme entworfen, beispielsweise für Giraudoux’s „Judith“, inszeniert 1961 von Jean-Louis Barrault, Georges Balanchine’s „Bayou“ und „La Sonnambula“ in New York, 1950 „The Witch“ mit John Cranko. Sie hat Bücher geschrieben und Gedichte verfaßt, die u. a. im „The New Yorker“ veröffentlicht worden sind.

Für das 1965er-Etikett zeichnete Tanning in einem rhythmischen Fluß ausgelassen, ja frenetisch tanzende Widder, deren Bewegungen bei aller Ekstatik voller Anmut und Grazie sind.

Ihr Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1965er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs ihrer Wahl.

Mouton Galerie_19651965: der Wein

Der 1965er wetteifert jahrgangsmäßig mit dem 1963er um den Rang der größeren Armseligkeit. Zwar war Mouton – wie oft in kleinen Jahrgängen - 1963, gemessen an den klimatischen Bedingungen, noch ein Wein von achtbarer Art gelungen: leicht und fragil, doch mit heiterem Charme. Aber beim 1965er muß man nicht lange herumreden, wenn es um die Frage geht, was der Wein taugt: wenig bis nichts. In den Chroniken ist der 65er als Jahrgang der Fäule und Nässe verzeichnet; ein feuchter Sommer und total verregneter September ließ die Trauben schon vor Erntebeginn in der ersten Oktoberwoche von den Stöcken fallen.

Alle meine Aufzeichnungen drücken das Gleiche aus, es finden sich geradezu notorisch Wiederholungen wie: sauer, kurz, bitter, gezehrt, spröde, passé. Schon 1989 habe ich notiert: Rostfarben. Ungustiöser Duft, wie Jod und ungelüfteter Vorratsschrank, gezehrt, säuerlich. Serena Sutcliffe, die es sich als Direktorin der Weinabteilung von Sotheby‘s mit dem mächtigen Gut nicht verderben wollte, gab sich kurz danach kulanter, als sie höflich schrieb: „Fresh Clarety nose. But a bit of sour milk on the palate.“ Am besten hat mir noch eine Magnum aus dem Jahre 2005 gefallen, deren Inhalt ich neben einer ziegelig-hellen Farbe immerhin noch sanfte florale Noten à la welke Rosen und kandierte Veilchen entnahm, ergänzt um etwas getrocknete Pflaume, Feige, Zedernholz, Kaffee, Tabak. Der Wein war mit der Barmherzigkeit des Liebhabers wohl trinkbar, doch kein Genuß. Vollends enttäuschte beziehungsweise bestätigte vor sechs Jahren eine Normalflasche den schlechten Ruf des 1965ers: Bräunliche Farbe ohne Schimmer, das Bukett ist deutlich geprägt von fungiziden wie vegetabilen Noten à la feuchtem Waldboden, alten, verschrumpelten Pilzen, etwas Kaffee – eindimensional, ausgetrocknet, gezehrt.

Vom 1965er sind gefüllt und nummeriert worden: 165 256 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 384 Magnums, 6 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 3 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 600 und 1 000 Euro.

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