Mouton-Galerie: 1966 – Pierre Alechinsky

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik. Und kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1966.


1966: das Etikett

Pierre Alechinsky, der Maler, Designer und Dichter, geboren 1927 in Brüssel, startete seine künstlerische Laufbahn mit dem Studium der Typographie. In seinen Werken, darunter auch Buchillustrationen, verbinden sich westliche und östliche Elemente, wie er sie in Japan kennengelernt hatte – siehe seinen Film über orientalische Kalligraphie. Die Malerei ist graphisch geprägt, charakteristisch für die Darstellungsweise sind die vielen multiplen, friesartig wirkenden Randzeichnungen, von ihm Randbemerkungen genannt, auf den Bildern und Radierungen. Alechinsky arbeitete mit unterschiedlichen Maltechniken, Farben und Materialien von Acryl über Öl bis Tusche.

Mouton Galerie_1966_Detail_2

Beeinflußt war der Künstler von der mystisch-abstrakten Malerei Paul Klees mit den surrealen, ins Geheimnisvolle weisenden Einsprengseln. Er zeichnete und malte spontan, doch dabei überlegt, und gerne nahm er benutztes Papier als Unterlage, übermalte er Landkarten, Quittungen und Notizblätter. Zusammen mit Christian Dotremont, dem Dichter, war er 1948 einer der Gründer der „Cobra“-Gruppe (COpenhagen, BRussels, Amsterdam). In den Jahren 1964 und 1977 hatte Pierre Alechinsky an der „documenta“ in Kassel, III und VI, teilgenommen.

Für das 1966er-Etikett stilisierte Alechinsky mit einem Augenzwinkern in bester zeitgenössischer graphischer Comic-Manier einen Widder als das Mouton’sche Wappentier inmitten einer Flasche roten Weins.

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1966er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

Mouton Galerie_19661966: der Wein

Der Jahrgang steht generell für Weine von eleganter, eher subtiler als herrischer Stilistik, und er gilt nach dem famosen, unübertrefflichen 1961er als Bester der Dekade – ausgenommen die besonders gut gelungenen 1964er in Graves sowie Pomerol und St. Emilion. Nach einem milden Winter und schönem Frühling fand die Blüte unter guten Bedingungen statt. Der Sommer gab sich zwar kühl und feucht mit viel Regen, doch ein heißer, sonniger und trockener September ließ die Trauben bestens reifen, so daß am 26. der Startschuß für die Ernte gegeben werden konnte. Auch der 1962er hat seine Meriten (in diesem Jahr übertrumpft Lafite wohl 1961), aber bestens gelagerte 1966er verheißen auch 49 Jahre nach der Geburt des Weins noch Genuß.

Meine frühen Aufzeichnungen zeugen ziemlich übereinstimmend von einem Wein mit fruchtiger Fülle, dicht gewobenem Körper und finessiger Struktur, aber von Anfang an ließen sich auch Gerbstoffe registrieren, die nur zögerlich reiften und den Wein bis heute mehr oder weniger belasten. Als Hauptmerkmale lassen sich rote Beeren (Cassis), Pflaumenröster, getrocknete Kräuter, Leder, schwarzer Tee à la Darjeeling, Tabak und Karamell anführen; die für Mouton in der Regel typische Minze ist merkbar, aber eher schwach ausgeprägt. 1989 habe ich nach einem grandios inszenierten vertikalen Vergleich von Latour und Mouton in der Wiesbadener „Ente“ freudig notiert: „Dunkelrot. Charmanter, reich nuancierter Duft mit dem klassischen Minze-Touch. Herrlich würziger Wein mit dichter Frucht und Delikatesse. Normalflaschen sind dem Höhepunkt nahe.“

Unter den Dutzenden von 66ern, die ich seither getrunken habe, waren freilich auch Flaschen, die nur wenig bis nichts taugten wie eine von 2006 beispielhaft zeigte: „Orangegetönt; Duft nach verblühten Rosen; ziemlich abgebauter Körper, welk und säurig im Abgang.“ Auch wenn der Mouton zu den kräftigeren Vertretern unter den 1966ern gehört, so hat sich der Wein naturgemäß verschlankt – und selbst gut erhaltene Flaschen weisen neben ihrer delikaten Frucht eine leise Härte als Mitgift des Tannins auf. Manche sind auch karg geworden, aber Obacht: Oft mangelt es dem viele Jahre eingeschlossenen Wein nur an Sauerstoff, was heißt, daß er dekantiert werden sollte; die Luft tut ihm gut, sie wirkt aufbauend.

Im Idealfall hat man einen Wein im Glas, der auf geradezu dokumentarische Weise den von Cabernet Sauvignon betonten Stil des Mouton zeigt mit einer Farbe von mittlerem Granatrot und einem Aromenbündel aus dunklen Früchten, Gewürzen, Zedernholz und Karamell nebst einem sanften Hauch von Minze und ein wenig Herbstlaub.

Vom 1966er sind gefüllt und nummeriert worden: 148 313 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 2 292 Magnums, 33 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 3 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 300 und 700 Euro.

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