Mouton-Galerie: 1967 – César

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1967, gestaltet von César.

1967: das Etikett

cesarCésar (1921-1998) war als Künstler ebenso populär wie umstritten. Einige Kritiker verehrten ihn hymnisch, Pierre Restany rühmte seine Skulpturen aus Alteisen als „modernste Geste der Plastik des Jahrhunderts“. Andere sprachen seinen Werken kurzerhand das Künstlerische ab; zumal seine “Schrottkunst“ in Form von hydraulisch zerquetschen und zu Kuben geformten Autos seien eher technisch als künstlerisch zu bewerten. Der Konzept-Kunst-Vorläufer Yves Klein, Besitzer eines 2 CV, spottete: „Wenn César die Straße herauf kommt, muß man sein Auto bewachen“, was César später so kommentierte: „Yves wäre glücklich gewesen, hätte ich seine Ente gepreßt. Aber sie war mir zu schmutzig.“

César Baldaccini war ein eloquenter Mann und sehr von sich überzeugt, auch geimpft von seiner italienischen Mutter, die in ihm einen modernen Michelangelo sah. Das Kunststudium hatte César in Marseille, seiner Geburtsstadt, begonnen und in Paris fortgesetzt, wo er u.a. mit Picasso bekannt wurde und im gleichen Haus wie Alberto Giacometti wohnte. Schon früh bekannte er aufmüpfig, „daß hinter dem Geschwätz von den ewigen Werten der Kunst nichts als Gips und Pappe“ stecke. Gegen Ende der 1940er-Jahre schweißte er seine ersten Plastiken aus Altmetall und stählernen Fertigteilen zu poetischen bis brutalen Collagen zusammen. Als Hauptwerk dieser nahezu zehnjährigen Schweiß-Periode gilt die 1958 geschaffene Plastik „Hommage à Nicolas de Stael“, in der César die aus rechteckigen Pinselstrichen gebauten Bilder des Ecole-de-Paris-Malers in ein metallenes Gewächs aus verschweißten Eisenwürfeln umsetzte.

Bald danach ließ er Autowracks zu handlichen Würfeln pressen und begründete seine Lust am Neuen so: „Veränderung ist ein Naturgesetz, du schläfst auch nicht immer mit derselben Frau.“ Restany gefiel dieser Wechsel gar nicht, er bezichtigte seinen Freund des „Hochverrats an der Kunst des Schweißens“. César ließ sich davon nicht beirren, er komprimierte weiterhin in der Schrottpresse Autos, Motor- und Fahrräder sowie Heizkörper. Auf der Biennale in Venedig war César damit ebenso vertreten wie mehrfach bei der documenta in Kassel. Und der von ihm entworfene und nach ihm benannte „César“ ist der 1976 erstmals vergebene Filmpreis, so etwas wie der französische Oscar. Jean-Paul Belmondo hatte den Preis 1988 übrigens mit dem Hinweis abgelehnt, César habe seinen Vater Paul, ebenfalls Bildhauer, mal beleidigt.

Mouton Galerie_1967_Detail_1

Mochte das Zerquetschen der Industrieprodukte auch ein mechanischer Vorgang sein, so entsprach die Auswahl des Materials damals doch jener „Lenkbarkeit des Zufalls“, die den Künstler „erregte“. Freilich hatte César kokett auch eine andere Deutung parat: Carrara-Marmor sei ihm zu teuer gewesen, Alteisen hingegen überall herum gelegen. Als ein Bootsbauer 1966 versehentlich eine Dose mit Polyurethan umstieß – den Schaumstoff mit der Eigenschaft, an der Luft wie ein Soufflé aufzugehen - , hatte César sein neues Material gefunden: „Ich war entzückt, aus nur 100 Gramm Stoff entwickelte sich eine riesige, weiche und freie Form.“

Nach gegenständlichen Abbildungen – ein 195 Zentimeter hoher Daumen und eine weibliche Brust von über zwei Meter Durchmesser wurden berühmt – schäumte César, „um den organischen Eigenschaften des Materials nicht im Wege zu stehen“, bald nur noch freie Formen. Bei solchen Monster-Formaten machten im Pariser Atelier zwei Gehilfen die Feinarbeit: Über die nach drei Minuten erstarrten Schaumriesen wurde härtendes Fiberglas gestülpt, danach die Falten, Windungen und Erosionen geglättet und poliert. Die Anregung, doch wie Christo einmal ein ganzes Gebäude mit Polyurethan zu überziehen, nahm César begeistert auf: „Die Hamburger Kunsthalle wäre den Versuch wert.“

Für das 1967er-Etikett stilisierte César industrielle Gegenstände wie Schraubenmuttern, die er mit dünnen, nagelähnlichen Stiften zu einer Komposition arrangierte. Daß er sich dem Widder als Mouton’schem Wappentier verweigerte, begründete er mit der Unabhängigkeit des Künstlers.

Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1967er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1967: der Wein

Mouton Galerie_1967_neuBestenfalls verfügen Weine dieses schwachen Jahrgangs in der Normalflasche und nach idealer Lagerung über einen netten fruchtigen Charme, flankiert von süßlichen und gewürzigen Noten à la Karamell, Zwetschgenröster und Zimt. Auch etwas Leder, Zedernholz, Herbstlaub und ein Hauch von Minze lassen sich ausmachen. Geschmacklich ist der 67er ein Leichtgewicht, sein fragiler Körper hält sich im Glas nicht lange. Der Wein verblaßt, er trocknet aus und ist kurz. Wer so eine Flasche im Keller hat und die überreifen Aromen mag, kann sich zwar glücklich schätzen, doch sollte er den Wein nicht mehr lange liegen lassen - oder gar nicht entkorken, stattdessen, sofern das Etikett gut erhalten ist, zu einer Auktion geben oder im Internet versteigern lassen und mit dem Erlös einen jüngeren Wein kaufen, vielleicht einen Lynch-Bages.

Generell gilt 1967 als Jahrgang mit Wetterkapriolen zwischen Kühle und Hitze, Regen und Trockenheit bis hinein in die Erntezeit. Der Ertrag war reichlich, die Weine reiften rasch (die Merlot-Gewächse aus Pomerol gerieten im Schnitt besser als die Cabernets aus dem Médoc, und die Edelsüßen aus dem Sauternais sind mit ausgezeichnet gerade recht beschrieben). Schon vor 25 Jahren hatte ich notiert: „Mittelrot mit leichtem Orangerand. Duft nach roten Beeren, Röstaromen (Kaffee) und Minze. Hübsch gereift mit prüder Note. Ein Lunchwein für den Gentleman.“ Weitere Flaschen der Standardgröße ergaben in den folgenden Jahren ein ähnliches Geschmacksbild, doch etliche Weine düftelten zunehmend unfein mit Aromen nach Pilzen, ungelüftetem Faßkeller und feuchtem Waldboden.

Vom 1967er sind gefüllt und nummeriert worden: 246 540 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 3 034 Magnums, 34 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 3 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 160 und 250 Euro.

Journal bekommen!

Wort der Woche

„Der Wein macht den Maulwurf zum Adler“

Nadar

Dieses ebenso skurille wie poetisch erhöhte Bild hat Charles-Pierre Baudelaire (1821-1867) entworfen, der geniale französische Lyriker, Schriftsteller, Essayist, Dandy, Wagnerianer und Weinkenner, der vor allem mit seiner „Die Blumen...

weiterlesen

Gericht der Woche

Maischolle à la Finkenwerder

Ein wesentliches Kriterium bei der Zubereitung ist die Unversehrtheit...

weiterlesen

Wein der Woche

2008 Château de Pez, Cru Bourgeois, St. Estephe

Dunkelrot und mit einem jugendliche Frische signalisierenden Lilaschimmer fließt der Wein ins Glas, aus dem im Nu ein dicht geflochtenes Bukett...

weiterlesen