Mouton-Galerie: 1968 – Bona

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite und Mouton, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie 1947 Cheval Blanc sowie Lafleur.

Bona Man_RayRichtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Bona mit_Andre_BretonGleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1968, gestaltet von Bona.


1968: das Etikett

Die in Rom geborene Bona Tibertelli (1926-2000) gilt als eine der bedeutendsten Surrealistinnen. Nach dem Kunststudium in Modena, wo sie unter dem Einfluß von Chirico’s „Metaphysical Surrealism“ stand, zog Bona, wie sie sich fortan nannte, 1946 zu ihrem Onkel nach Venedig, dem berühmten Maler Filippo de Pisis, der sie künstlerisch führte und unterstützte. Vier Jahre später heiratete sie André Pieyre de Mandiargues. Der französische Schriftsteller eröffnete ihr in Paris den Zugang zur avantgardistischen Szene mit Künstlern wie Man Ray, André Breton, Francis Ponge und Jean Paulhan, die ihre Werke hoch schätzten; insbesondere die 1952 in Paris ausgestellten Werke wurden von den führenden Surrealisten hoch gepriesen. Max Ernst verehrte die schöne Künstlerin, Man Ray fotografierte sie.

Mouton Galerie_68_Detail

In ihren Bildern variierte Bona virtuos das Spiel mit Formen, Farben, Texturen und Proportionen, bevorzugt malte sie Wurzeln, Äste und Meeresfrüchte, die sie sozusagen belebte, ja beseelte, indem sie denen menschliche Züge verlieh. Später – nach einem Aufenthalt in Mexiko ab 1958 - , malte sie zunehmend abstrakt und nutzte neue Materialien wie Zement, Sand, Putz, Kiesel und auch Stoffe, die sie zu gleichermaßen reizvollen wie ungewöhnlichen Collagen formte, darunter mythologische Figuren wie Wotan oder die Göttin Kali. Damit begründete die Künstlerin ihren individuellen Stil mit reichlich Gold.

Für das Etikett besann sich Bona, die sich als Hommage an ihren Onkel auch Bona Tibertelli de Pisis nannte, ihres frühen Malstils und schuf recht konkret, freilich mit surrealistischen Einsprengseln, einen Widder mit weiblichen Zügen und leicht martialisch geformten Brüsten, flankiert von innig geschlungenen Weinreben auf goldigem Hintergrund.

Ihr Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1968er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs ihrer Wahl.

Mouton Galerie_681968: der Wein

Selbst mit der Barmherzigkeit des Liebhabers läßt sich über den 1968er aus aktueller Sicht mur sagen, daß es schon eine Magnum bester Herkunft sein muß, um dem Wein noch so etwas wie morbiden Charme zu attestieren. Früh begann der 68er zu verblassen, in meinen Notizen tauchen immer wieder Worte auf wie gezehrt, spröde, oxidiert, kurz, passé. Schon 1989 habe ich notiert: Weitgereifte Farbe, orange bis braun; süßliches Bukett nach Malzbonbon, aber auch nach Jod und ungelüftetem Medizinschrank; geschmacklich ermattet, ausgezehrt. Serena Sutcliffe, die es sich als Direktorin der Weinabteilung von Sotheby‘s mit dem mächtigen Gut nicht verderben wollte, gab sich kurz danach kulanter, als sie höflich schrieb: „Very good colour (another effect of he magnum). Tobacco and Cocoa nose. Lovely. Lots of middle Flavour – more thick cocoa. Good Claret although, naturally in this year, short on the finish.“

Am besten hat mir noch eine Magnum im Jahre 2005 gefallen, deren Inhalt ich neben einer ziegelig-hellen Farbe immerhin noch sanfte florale Noten à la welke Rosen und kandierte Veilchen entnahm, ergänzt um etwas getrocknete Pflaume, Feige, Zedernholz, Kaffee, Tabak und einen Hauch von Minze. Der Wein war wohl trinkbar, doch kein Genuß. Vollends enttäuschte beziehungsweise bestätigte 2014 eine Normalflasche den schlechten Ruf des 1968ers: Bräunliche Farbe ohne Schimmer, das Bukett ist deutlich geprägt von fungiziden wie vegetabilen Noten à la feuchtem Waldboden, alten, verschrumpelten Pilzen, etwas Kaffee – eindimensional, dünn, ja wässerig, ausgetrocknet, gezehrt. Man muß also nicht lange herum deuteln: Nach 1963 und 1965 gehört der 1968er zu den armseligen Jahrgängen des 60er-Dezenniums.

In den Chroniken ist 1968 als Jahrgang mit wenig Sonne, viel Feuchtigkeit und extrem tiefen Temperaturen im August verzeichnet. Heftiger Regen schwemmte die Trauben auf; während der Lese im Oktober schien wohl gelegentlich die Sonne, aber das änderte nichts mehr daran, daß viele Trauben nur unzulänglich reiften.

Vom 1968er sind gefüllt und nummeriert worden: 159 776 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 1 432 Magnums, 18 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 3 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 300 und 550 Euro.

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