Die Mouton-Galerie: 1969 – Joan Miró

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Miro JeanGleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1969, gestaltet von Joan Miró.


Mouton Galerie_691969: das Etikett

Als Sohn von Kunsthandwerkern (der Vater war Goldschmied und Uhrmacher, der Großvater mütterlicherseits ein Möbeltischler) war der in Barcelona geborene Joan Miró – 1893-1983 - musisch gesalbt und wurde früh im Zeichnen unterrichtet. Der Junge interessierte sich auch für Kunst, doch der kleinbürgerlich gesonnene Vater bestand auf einem „ordentlichen“ Brotberuf, so daß Miró, präzise: Joan Miró i Ferrà, eine kaufmännische Ausbildung begann, sich parallel freilich an der Kunstakademie „La Llotja“ in Barcelona einschrieb, an der neun Jahre davor auch Pablo Picasso studiert hatte. Miro arbeitete zunächst als Buchhalter in einer Drogerie, aber nach zwei Jahren gab er genervt auf und widmete sich nach Genesungsferien im familiären Bauernhof bei Tarragona fortan der Kunst.

Geradezu leidenschaftlich, so berichten Weggefährten, sog Miró wie ein Schwamm alle künstlerischen Bewegungen in sich auf, beginnend bei der katalanischen Volkskunst, beim Impressionismus von Cézanne und Matisse, überleitend zu Kubismus, Dadaismus und Surrealismus, bis er – etwa ab 1924 mit dem Bild „Karneval der Harlekine“ – zunehmend zu einem eigenen Stil fand. 1917 lernte Miró Francis Picabia kennen, der ihn mit dem Dadaismus vertraut machte. Zwei Jahre später freundete er sich mit Picasso an, den er in Paris besuchte und der von ihm ein Selbstbildnis erwarb. Ende 1920 bezog er gemeinsam mit dem Surrealisten André Masson ein Atelier, doch Erfolge blieben aus; eine 1921 in Paris eröffnete Ausstellung war wirkungslos. Ungerührt pflegte der Spanier einen bürgerlichen Habitus, er trug weiße Gamaschen und ein Monokel wie ein Unternehmer.

Als 1936 der Bürgerkrieg in Spanien ausbrach, zog Miró nach Paris - inzwischen verheiratet, Vater einer Tochter und als Künstler arriviert. „schnecke frau blume stern“ lautete einer der Titel, den Miró seinen Werken gegeben hat. Die Bilder erinnern an Kinderzeichnungen, an scheinbar nebenbei gemalte Farben und Formen, doch sie sind eben nicht willkürlich, sondern sehr genau durchdacht. Der Künstler entwickelte eine aus Linien, Farben, Zeichen, Flecken und Symbolen bestehende eigenständige Bildsprache: farblich weitgehend beschränkt auf Basistöne wie Schwarz, Grün, Gelb, Blau und Rot - und von hohem Wiedererkennungswert. Immer stärker widmete er sich auch anderen Materialen, er experimentierte mit Skulpturen, Keramik, Grafiken, Wandgemälden und Gebäudefassaden, er entwarf Theaterkostüme und illustrierte Bücher.

Es war 1956, als Joan Miró ein Haus nahe Palma de Mallorca bezog, die Villa seiner Träume. In den folgenden Jahren arbeitete er hauptsächlich an Skulpturen, schuf aber auch weiter Bilder; in seinem langen Künstlerleben entstanden etwa 2 000 Ölgemälde, 500 Skulpturen, 400 Keramiken sowie 5 000 Collagen und Zeichnungen, ergänzt um ein grafisches Werk mit rund 3 500 Arbeiten, darunter Lithografien und Radierungen in zumeist kleinen Auflagen. Kunst war für Miró so etwas wie angewandte Poesie, und umso kritischer wandte er sich gegen die Kommerzialisierung der Kunst. Am 25. Dezember 1983 starb Joan Miró in Palma de Mallorca, seine Villa ist als Museum der Öffentlichkeit zugänglich.

Das von einem blutroten Weintropfen dominierte und von Chiffren, Farbklecksen und Symbolen beseelte Etikett zeugt von der starken Ausdruckskraft des Künstlers. Es amüsiert und ist zugleich gemalte Poesie, ja Anmut im typischen Malstil des Künstlers. Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1969er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1969: der Wein

Selbst die Barmherzigkeit des Liebhabers endet an diesem Wein, den von Anbeginn und zu recht eine schlechte Reputation umgab. Die Versuche von Winzern und speziell Händlern, den 1969er als Nachfolger des nicht minder unartigen 1968ers schon vor seiner Geburt schön zu reden, trieben zwar den Preis ungebührlich in die Höhe. Doch die Ernüchterung folgte rasch, der Wein schmeckte bereits in jungen Jahren alles andere als köstlich. Erste Faßproben deuteten auf einen fruchtarmen Wein hin, dem es an Dichte ebenso fehlte wie an Ausstrahlung.

Der Wein begann schon früh zu verblassen, 1989 notierte ich nach einer großen Vergleichsprobe von Mouton und Latour in der Wiesbadener „Ente vom Lehel“: „Ältliche Farbe mit Orange. Malziges Bukett; gereifter, zerfallender Körper mit lieblicher und zugleich medizinischer Note nach Jod und Minze. Ohne Tiefe.“ (Der Latour hingegen gab sich, wenn auch erwartungsgemäß nicht stark, so doch achtbar mit mitteldunkler Farbe, stabilem Fruchtkörper rustikaler Prägung, reichlich Tannin und würzigem Abgang.) Selbst Serena Sutcliffe, die es sich üblicherweise als Direktorin der Weinabteilung von Sotheby‘s mit dem mächtigen Gut ja nicht verderben will, mußte Mitte der 1990er-Jahre bei aller Diplomatie bekennen, daß der Wein wohl den Duft eines Ersten Gewächses habe, doch trocken und grün am Gaumen schmecke mit einem dünnen „schmutzigen“ Finale.

Von Jahr zu Jahr büßte der Wein immer rascher sein ohnedies kärgliches Naturerbe ein. In meinen Notizen finden sich folgende Worte wie im Abonnement: getrocknetes Laub, altes Leder, Moos, oxidative Noten, Sherry, madeirisiert, austrocknende Tannine, zerbröselnder Körper, raue Töne, Mangel an Fleisch und Charme, hohl, metallisch, spröde, säuerlich, dünn. Und noch vor einem Jahr mußte ich konstatieren: ziegeliges fahles Rot mit Brauntönen, dünne Frucht mit metallischem Einschlag, zerfallender Körper mit Hauch Todessüße nebst etwas Leder, Tabak, Minze. Trocknet aus, geschmacklich ermattet, ausgezehrt. Selbst in einer Großflasche vermag der 69er nicht zu gefallen. Nach 1963, 1965 und auch 1968 gehört der 1969er zu den armseligen Jahrgängen des 60er-Dezenniums. Kurz gesagt: Miró hätte einen besseren Jahrgang verdient, aber die Natur vermag perfide zu sein.

In den Chroniken ist 1969 als Jahrgang mit einem trockenen und mäßig warmen Sommer verzeichnet, die Winzer hofften auf eine sehr gute Ernte, aber dann schwemmten wolkenbruchartige Regenfälle im September die Aussicht auf einen guten Wein hinweg; selbst einige Sonnentage gegen Ende des Monats konnten nicht mehr viel retten – die Trauben und insbesondere die Cabernets reiften unzulänglich.

Vom 1969er sind gefüllt und nummeriert worden: 128 960 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 1 864 Magnums, 34 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 3 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 300 und 550 Euro. Das ist eindeutig zu viel, aber was bedeutet das schon für einen Sammler, der seine Kollektion ergänzen möchte.

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