Mouton-Galerie: 1970 – Marc Chagall

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Chagall Bella_white_collar_1917Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1970, gestaltet von Marc Chagall.

Mouton Galerie_701970: das Etikett

Marc Chagall, am 1. Juli 1887 als Moische Chazkelewitsch Schagalow nahe Wizebsk (auch Witebsk oder Vitebsk geschrieben) geboren und am 28. März 1985 in Saint-Paul-de-Veran gestorben und auf dem dortigen Friedhof ohne Pomp bestattet, ist dank seiner einzigartigen, unverwechselbaren, von Religiosität und humanen Idealen geprägten Kunst als "Maler-Poet" auch einem breiten Publikum geläufig. Seine Zeichnungen, Gouachen, Ölgemälde, Glasmosaiken und Buchillustrationen wie auch seine Bühnenbilder künden, beeinflußt von Mythen und Legenden sowie von persönlichen Erlebnissen nach Reisen und des jahrelangen Wanderns zwischen Moskau, St. Petersburg, Paris, Berlin, New York, Palästina und schließlich seinem Alterssitz in Südfrankreich von einer Welt außerhalb des Rationalen.

"Mit meinen 27 Rubeln in der Tasche, den einzigen, die ich im Leben von meinem Vater für die Reise erhielt, verschwinde ich, immer noch rosig und voller Locken, nach St. Petersburg". Das war Ende 1906 und ein Auftakt mit Schmerz, denn die Kunstakademie von St. Petersburg wies ihn ab - ein Treppenwitz der Geschichte. Daraufhin besuchte Chagall diverse Malerschulen, bis er 1910, nach dem Verkauf zweier Bilder und Geld von einem Gönner, nach Paris reiste, wo er, fasziniert von der urbanen Welt, aber auch von den Bildern von Matisse, Gauguin und van Gogh, sich mit Künstlern wie Robert Delaunay, Fernand Léger und Guillaume Apollinaire anfreundete - zu letzterem notierte Chagall in seinem Lebensbuch: "Ich erinnere mich an den ersten Besuch von Apollinaire in meinem Atelier im Jahre 1912. Vor meinen Bildern aus der Zeit von 1908 bis 1912 gebrauchte er das Wort 'surnaturalisme'. Ich konnte nicht ahnen, daß 15 Jahre später die surrealistische Bewegung kommen würde."

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs reiste Chagall nach Rußland und heiratete am 25 Juli 1915 Bella Rosenfeld, seine Jugendliebe, über die er allerliebst schrieb: "Sie brachte mir morgens und abends liebliche hausgebackene Kuchen ins Atelier, gebackenen Fisch, gekochte Milch, bunte Stoffe und sogar Bretter, die mir als Staffelei dienten. Ich öffnete nur mein Fenster, und schon strömten Himmelblau, Liebe und Blumen mit ihr herein. Ganz weiß gekleidet oder ganz in Schwarz, geistert sie lange schon durch meine Bilder, als Leitbild meiner Kunst." Man liest das und versteht, weshalb Chagall, der mit Frau und Tochter Ida 1922 Rußland verlassen hat und erst in Frankreich, danach in den USA lebt, bevor er im Mai 1946 sich wieder in Paris niederließ, zutiefst erschüttert war und depressiv monatelang keinen Malpinsel in die Hand nehmen mochte, als seine Bella am 2. September 1944 an einem Virusinfekt starb. Nach einer Liaison mit seiner Haushälterin, die ihm einen Sohn gebar, David, heiratete Chagall 1952 die Russin Walentina "Vava" Brodsky.

"Ein guter Mensch kann bekanntlich ein schlechter Künstler sein. Aber niemals wird jemand ein echter Künstler, der kein großer Mensch und daher auch kein 'guter Mensch ist." - Marc Chagall

Marc Chagall war ein Suchender nach dem Sinn des Lebens. Seine Bilder voller Vögel, Fische, Rabbiner, Pferde, Blumen, Hähne, Engel, fliegenden Menschen, Gestirne und Bräute werden gerne als "symbolistisch" verstanden. Der Künstler sah das weniger interpretatorisch; er will keine Geschichten erzählen, dies erfülle die Literatur. Seine Werke sind wohl eher mit der Seele als dem Verstand zu begreifen, und noch näher kommt man seinen Bildern als einer sinnlichen, ungeheuer farbmächtigen, fauvistisch, kubistisch und surreal unterfütterten Kombination aus russischer Volkskunst und jüdischer Mythologie mit einem Blick in die Autobiografie des Künstlers Mein Leben: "Ich bin ein Maler und sozusagen ein unbewußt bewußter Maler. Es sind so viele Dinge im Reich der Kunst, für die schwer Schlüsselwörter zu finden sind. Aber warum eigentlich muß man unbedingt versuchen diese Tore zu öffnen? Manchmal scheint es, daß sie sich von selbst auftun, ohne Anstrengung, ohne überflüssige Worte." (Die größte Sammlung dieses Klassikers der Moderne befindet sich im Chagall-Museum in Nizza.)

Chagall 1920

Das farbenfroh gestaltete Etikett zeigt inmitten eines ländlichen Idylls, wo Drosseln nach Weinbeeren picken, ein Selbstbildnis des Künstlers, dem eine Frau - wohl Bella, seine große Liebe - ein Traubenbündel überreicht. Das ist gemalte Poesie, ja Anmut im typischen Malstil von Chagall. Sein Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1970er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl.

1970: der Wein

Für Liebhaber von Schmuseweinen war der 1970er nie das Ideal. Von Anfang an war der kraftvolle Fruchtkörper deutlich, ja geradezu expressiv mit Gerbstoffen beladen. Das konnte man, zumal in des Weines jüngerer Zeit, positiv als streng bewerten - im Sinne eines vin de garde, also eines Gewächses, das einer langen Flaschenreife bedarf. Meine ersten frühen Verkostungsnotizen aus den späten Siebzigern weisen darauf hin: "Fester Wein mit Dichte und Kraft. Klassisch Mouton, von der beerigen Fülle mit dem Minze-Duft über den vollen, gewürzig unterlegten Körper bis zum langen Nachklang. Reich an Aromen wie schwarze Johannisbeeren, Sauerkirsche, Rosen, Zedernholz und Vanille nebst Kaffee, Leder und Tabak. Sehr fruchtdicht, aber geprägt von Tannin, noch verschlossen. Eine Option auf die Zukunft. Es empfiehlt sich längeres Dekantieren von mehreren Stunden."

Allerdings stellte ich im Laufe der vielen Begegnungen mit dem 70er eine stark schwankende Qualität von Flasche zu Flasche fest. Das mag teils an Bouteillen gelegen haben, die - wie bei Mouton nicht unüblich - Weltreisen quer über die Kontinente hinter sich hatten oder sonstwie falsch gelagert waren. Möglicherweise gab es aufgrund des hohen Ertrags von rund 27 000 Kisten à zwölf Flaschen auch unterschiedliche Abfüllungen. Jedenfalls fielen meine Urteile zunehmend differenzierter aus. Noch 1989, nach der legendären Vergleichsprobe zwischen Mouton und Latour in der "Ente vom Lehel" habe ich einen dunkelfarbenen Wein mit betörendem Bukett erlebt, der, solide gebaut, mit seiner reichen Frucht einer roten Grütze mit einem Zweig Minze glich und einfach köstlich schmeckte.

Doch speziell seit der Jahrtausendwende hatte ich neben fein gereiften Siebzigern
auch Weine im Glas, die Spuren von Magerkeit aufwiesen, die trocken wirkten, fruchtarm, hart, ja kantig und bitter. Und dann ergab sich - gerade mal drei Jahre ist es her - eines Abends eine Magnum 1970 von geradezu suggestiv wirkendem Bukett. Gewiß, die Frucht war natürlich stark reduziert, sie hatte Reifearomen à la Kräutern, Tabak, etwas Herbstlaub, Zedernholz, Karamell, Gewürzen und einer malzigen Süße Platz gemacht. Auch medizinale sowie balsamische Noten spielten mit. Aber das ehedem strenge, lange unbeugsam wirkende Tannin hatte sich wundersam geglättet, der Wein verwies nach zweistündigem Dekantieren mit delikater Süße und einem zwar erschlankten, doch nobel und elegant gereiftem Körper die Urteile jener Autoren ins verbale Gerümpel, die, wie ein österreichischer Weinjournalist, den 1970er Mouton pauschal als überschätzt diffamierten.

In den Chroniken ist 1970 als sehr guter Jahrgang mit großer Erntemenge verzeichnet. Trotz des spät einsetzenden Frühlings gab es eine schöne Blüte. Der Juli war extrem heiß und trocken, der August sorgte zeitweilig für eine bedrohliche Kühle, flankiert von Stürmen und einigen Niederschlägen, doch das Wetter beruhigte sich zusehends und die am 28. September beginnende Lese verlief bilderbuchhaft bei schönstem Sonnenschein. Alle Rebsorten reiften voll und gesund aus

Vom 1970er sind gefüllt und nummeriert worden: 315 000 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 7 000 Magnums, 615 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 5 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 200 und 300 Euro.

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