Mouton-Galerie: 1971 – Wassily Kandinsky

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1971, gestaltet von Wassily Kandinsky.


Kandinsky1971: das Etikett

Wassily Kandinsky, der geborene Russe (am 16. Dezember 1866 in Moskau), naturalisierte Deutsche und schließlich gebürtige Franzose, gestorben in Neuilly-sur-Seine nahe Paris (am 13. Dezember 1944), war – nach Jurastudium, Promotion („Über die Gesetzmäßigkeit der Arbeiterlöhne“) und kurzzeitiger Assistenz an der juristischen Fakultät – Maler, Grafiker, Kunsttheoretiker und vor allem ein Wegbereiter der abstrakten Malerei. Er, der in den Bildern von Claude Monet die Kraft der Farben entdeckt hatte, sah sich in der Rolle des Pioniers, ja des Erneuerers und Wortführers, und angeblich hat er deshalb sein erstes abstraktes Bild von 1913 auf 1911 vordatiert. Da hatte er Rußländ längst verlassen und in Deutschland mit der Malerei begonnen, u. a. als Schüler an der Kunstakademie München bei Franz von Stuck.

Seine Hinwendung zur Abstraktion begann im Sommer 1908 in Murnau am bayerischen Staffelsee, als er Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky traf. Deren Stil und Maltechnik leitete ihn vom mehr oder weniger impressionistischen Abmalen der Natur hin zum Fühlen eines Inhalts, zum Abstrahieren. Kandinsky wurde Expressionist. Im gleichen Jahr lernte er Rudolf Steiner kennen, dessen Anthroposophie sein späteres Schaffen beeinflußte. Bereits Ende 1911 fand in der Münchner „Modernen Galerie Thannhauser“ die erste Ausstellung der mit Franc Marc gegründeten Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ statt – parallel präsentierte Kandinsky sein Buch „Über das Geistige in der Kunst, insbesondere in der Malerei“. Quasi nebenbei entwarf der Künstler für Johann Maria Farina, die berühmte Kölner Parfum-Fabrik, einen Flacon.

Kandinsky aelterAls Folge der deutschen Kriegserklärung gegen Rußland floh Kandinsky mit Gabriele Münter, seiner Lebensgefährtin, einer Malerin, am 3. August 1914 nach Zürich, von wo aus er – ohne seine Gefährtin - weiter nach Moskau reiste, wo er eine „Akademie der Kunstwissenschaften“ gründete, 1917 in zweiter Ehe Nina Andrejewsky heiratete (1911 war er von seiner ersten Frau geschieden worden, 1916 hatte er mit Gabriele Münter gebrochen). Nach der russischen Revolution verlor Kandinsky sein Vermögen, die kommunistische Kunstpolitik engte ihn derart sein, daß er mit Nina im Dezember 1921 über Riga nach Berlin ausreiste, wo er, eingeladen von Walter Gropius, bis 1933 auch als Lehrer in Weimar, Dessau und Berlin tätig war.

Durch den Kontakt mit dem russischen Konstruktivismus verfestigten sich bei Kandinsky die geometrischen Strukturen in seinen Bildern. Zusammen mit Lyonel Feininger, Paul Klee und Alexej Jawlensky gründete er 1924 die Künstlergruppe „Die Blaue Vier“. 1928 erwarb er die deutsche Staatsbürgerschaft, doch 1933, nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten, emigrierten Nina und Wassily Kandinsky nach Frankreich, wo es der Künstler anfangs nicht leicht hatte, denn es dominierten der kubistische und surrealistische Stil. Heute zählen seine Bilder, die er in Improvisationen (unbewußte, plötzliche Vorgänge in der „inneren Natur“), Impressionen (Eindrücke aus der äußeren Natur) und Kompositionen (sich langsam bildende Ausdrücke des Charakters; das Bewußte steht im Vordergrund) unterteilte, zu den bedeutendsten Werken der Moderne des 20. Jahrhunderts.

Kandinsky das_Geistige_in_der_Kunst_1911Wassily Kandinsky hatte neben seiner außergewöhnlichen bildnerischen Intelligenz ein ausgeprägtes Empfinden für Farbe und Form. So ordnete er, ausgehend von der Synästhesie, dem Verschmelzen verschiedener Sinneseindrücke, den Farben tiefere Bedeutungen und Assoziationen zu. Farben empfand er nicht nur als optische, sondern, ausgehend von der Musik, auch als akustische Reize – er sprach von Farbklängen und postulierte: „…muß freilich das Sehen nicht nur mit dem Geschmack, sondern auch mit allen anderen Sinnen im Zusammenhang stehen…manche Farben können unglatt, stechend aussehen, wogegen andere wieder als etwas Glattes, Samtiges empfunden werden, so daß man sie gerne streicheln möchte.“ Kandinsky malte bis Ende Juli 1944 täglich, er starb am 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine. Seine um 27 Jahre jüngere Frau überlebte ihn um 36 Jahre; sie verwaltete den Nachlaß, im September 1980 ist sie in ihrem Haus in Gstaad einem Raubmord zum Opfer gefallen.

Das geometrisch gestaltete, um 1930 entstandene Etikett ist erst 27 Jahre nach seinem Tod von Baron Philippe ausgewählt worden; es ist ein Zeugnis seiner „architektonischen Periode“, hat jedoch keinen direkten Bezug zum Wein. Das Original hängt im Pariser Museum Centre Pompidou, dem Nina Kandinsky zahlreiche Gemälde und Aquarelle übereignet hatte. Eine große Sammlung von Kandinsky-Werken ist im Guggenheim-Museum zu sehen. Das Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1971er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs nach Wahl.

Mouton Galerie_19711971: der Wein

Die Hymnen, die dem 1971er bei seiner Geburt gesungen worden sind, haben sich nicht bewahrheitet - nicht ganz, muß man sagen. Anstelle der anfänglich - auch von Weinautoren sowie namhaften Chateau-Besitzern - attestierten Größe hat sich der Wein wohl fein entwickelt. Er war von Jugend an ziemlich offen und delikat, man kann etwas leger auch sagen: lecker. Finesse und Charme waren zwei wesentliche Attribute, doch verfügte er gegenüber dem 1970er nicht über dessen Farbtiefe, fruchtige Konzentration und mächtige Gerbstoffe. In einer Notiz von 1978 habe ich gleichwohl rühmend geschrieben: „Dunkles Rubin; mittelschwer, weiches, fruchtig und süßlich geprägtes Bukett von burgundischer Dimension, vollmundig, rund, seidig, von geschmeidiger Fülle. Verfügt nicht gerade über eine starke Mouton-Expression wie sein Vorgänger, der 1970er, aber es ist ein finessiger Wein, ein Charmeur. Neben beziehungsweise hinter Latour einer der Besten aus Pauillac (Lafite stak in einem Tief).“

Bis in die Neunziger hinein erfreute der 1971er durch seine schmeichlerische Aromatik mit Noten von dunklen Beeren wie speziell schwarzer Johannisbeere, etwas Edelbitterschokolade, schwarzer Trüffel und Zedernholz neben Einsprengseln von Tabak, Graphit und Minze. Zwischen Mitte bis Ende der 1990er-Jahre war der Wein in einer bestens gelagerten Standardflasche an seinem Höhepunkt. Auf dieser Hochebene des Geschmacks hielt er sich weitere Jahre, wobei sich die fruchtige Kraft während des Reifeprozesses natürlich zunehmend verringerte zugunsten einer Vergeistigung der Aromen. Mehr und mehr entwickelten sich Noten à la Karamell, Unterholz, Leder, schwarzer Tee, Malz, eingelegte Zwetschgen und geröstetes Brot bis hin zu einem leicht fungiziden Ton.

Wie so oft bei Mouton differiert die Qualität von Flasche zu Flasche, was in erster Linie wohl dem Liebhaber-Bonus bei den Sammlern von Etiketten geschuldet ist. Die Flaschen keines anderen Guts wechseln so oft den Besitzer wie jene von Mouton. Heute finden sich mehrheitlich 1971er, die jedenfalls in der Eintelflasche bereits stark von Alterstönen dominiert sind, teils auch dünn schmecken, fade, hantig, leer. Doch es gibt auch angenehme Überraschungen. Eine Magnum, getrunken am 9. Oktober 2015, zeigte sich in glänzendem Rubin-Ornat mit sanftem Ockerrand, gefolgt von einem warmwürzigen Bukett mit Noten von süßlichem Herbstlaub, welken Rosen, schwarzer Trüffel und Malzkaffe, aber auch von Cassis-Likör, etwas Nougat und einem Hauch von Minze. Der Körper war weich gerundet, die Tannine sanft geglättet, im angemessen langen Nachklang vereinten sich reife Aromen mit köstlicher Süße.

In den Chroniken ist 1971 als sehr guter und stilvoller Jahrgang mit kleiner Erntemenge verzeichnet. Der Frühling gab sich feucht und kühl bis in den Mai und teils in den Juni hinein, aber dann folgte ein schöner Sommer, trocken und sonnig mit viel Wärme bei nur wenigem Regen. Auch die Ende September einsetzenden Erntetage vollzogen sich bei schönem Sonnenschein. Alle Rebsorten reiften voll und gesund aus, insbesondere die Merlot geriet bestens.

Vom 1971er sind gefüllt und nummeriert worden: 224 386 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 1 750 Magnums, 180 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 5 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 180 und 250 Euro.

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