Mouton-Galerie: 1972 – Serge Poliakoff

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1972, gestaltet von Serge Poliakoff.


Poliakoff Serge_21972: das Etikett

Als Serge Poliakoff, 1900-1969, Sohn einer Musikern und eines wohlhabenden Pferdezüchters, 1920 wegen der Kommunisten sein russisches Heimatland verließ, hatte er in Moskau bereits Malkurse besucht und einen Ruf als begnadeter Meister auf der Gitarre. Unter abenteuerlichen Umständen schlug sich der junge Mann bis Konstantinopel durch, von wo aus er über Sofia, Belgrad, Wien und Berlin schließlich 1923 in Paris landete, seiner zukünftigen Lebensstadt. Die malerischen Studien in französischen Akademien und Kunstschulen in London finanzierte er sich anfangs als Gitarrist in russischen Clubs.

Seine künstlerische Karriere startete Poliakoff konventionell in den akademischen Traditionen in Form gegenständlicher Motive wie Akte, Häuser, Landschaften. Erst ab etwa 1935 fand Poliakoff schrittweise zur Abstraktion und bediente er sich der Farbe als eigener Ausdruckskraft, darin entscheidend beeinflußt durch Kandinsky sowie Sonja und Robert Delaunay, die er, zurück aus London, in Paris kennengelernt hatte. Er komponierte bunte Farbflächen von geradezu sinnlicher Intensität mit geometrischen Formen; seine erste abstrakte Komposition gab es 1945 in der Pariser Galerie de l’Esquisse zu sehen. Es folgten weitere Ausstellungen in Brüssel und New York, bei der documenta II (1959) sowie III (1964) in Kassel und bei der Biennale in Venedig.

In seinem Spätwerk zeigte Serge Poliakoff eine Neigung zu monochromer Gestaltung. Er zählt zu den Großen der europäischen Nachkriegskunst, auf dem internationalen Kunstmarkt ist er präsent – seine Schaffenskraft bezeugen um die 3 500 Gemälde und Gouachen. Verehrer schwärmen, in den Bildern Poliakoffs scheine das Licht russischer Ikonen.

Das mit Wasserfarbe gemalte Bild im Maße von 24,5 mal 31 Zentimetern ist eines seiner letzten Werke: rot geschichtet, von intensiver Leuchtkraft, geometrisch platziert auf schwarzem Grund, vom Künstler – wie viele andere seiner Werke – nur schlicht als „Composition abstraite“ bezeichnet. Es dokumentiert die späte Neigung des Künstlers zur monochromen Gestaltung.

Das Honorar waren die obligaten fünf Kisten vom 1972er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs nach Wahl.

Mouton Galerie_19721972: der Wein

Müßte man sich auf wenige Worte beschränken, so lauteten diese erbarmungslos: bräunlich, kurz, säuerlich, bitter, gezehrt – und basta! Wohl wird der Wein aus der einen und anderen Großflasche noch einen gewissen süßlich-herben Charme versprühen, aber das nenne ich eine Morbidezza: das letzte Aufbäumen eines Weins, bevor der komplett verwelkt. Natürlich ist von Mouton zu erwarten, daß aus einem Jahrgang das Beste herausgeholt wird; nebenbei bemerkt ist Latour der eindeutige Jahressieger. Doch es bedarf schon inniger moutonesquer Verehrung, um dem Wein heute noch etwas Gutes abzugewinnen. Selbst Serena Sutcliffe, die es sich als Weindirektorin von Sothebys mit einem so mächtigen Château nicht verscherzen will, kannte mal keine Gnade und stöhnte mir bei einer Verkostung gequält zu: “Quite a spicy nose, but awful green acidity.“

In meinem Archiv fand ich eine Notiz von 1989: „Rostfarben, fruchtarm, medizinal, kräuterig durchzogen mit Anklängen an Maggikraut, uncharmant, säuerlich, kurz, zerfallend – bereits 17 Jahre nach seiner Geburt unehrenhaft verblichen.“ Diese Flasche war eine der wenigen Ausfälle der legendären, von Hans-Peter J. Frericks in der Wiesbadener „Ente von Lehel“ inszenierten Vergleichsprobe von Mouton-Rothschild und Latour in den Jahrgängen 1945 bis 1986 (plus einiger Raritäten à la 1965 Montrachet der Domaine Romanée-Conti in der Doppel-Magnum, 1934 Mouton und Latour in der Jéroboam, 1945 Filhot, Dom Ruinart von 1961 – ja, das waren noch private Weltereignisse).

Davor und danach gab es weitere Begegnungen von geringer Freude; das Beste, was ich über den Jahrgang geschrieben habe, galt 2002 einer bestens gelagerten Magnum mit hohem Füllstand: Bräunlich-rote Farbe, noch glänzend; das anfänglich abschreckende Bukett in Form von dumpfen, an nasse Wolle, Waldboden und Metall erinnernden Noten wandelte sich im Glas binnen einer Viertelstunde in süßliche Töne von sanftem Charme, begleitet von Tabak, Leder, getrockneten Kräutern nebst etwas Cassis und Minze. Dieses Aufbegehren währte eine knappe Stunde, danach zerfiel auch dieser Mouton binnen kurzem und endete säuerlich. Alle anderen Verkostungen wiesen neben dem bekannten Mangel an Frucht eine rabiate Säure auf. Wie so oft bei Mouton differiert die Qualität von Flasche zu Flasche, was in erster Linie wohl dem Liebhaber-Bonus bei den Sammlern von Etiketten geschuldet ist. Die Flaschen keines anderen Guts wechseln so oft den Besitzer wie jene von Mouton.

In den Chroniken ist 1972 als dürftiger, ja schlechtester Jahrgang des Jahrzehnts mit mittlerer Erntemenge verzeichnet. Der Frühling war kühl, was die Blüte verzögerte. Auch danach gab sich das Wetter unterkühlt. Einem warmen Juli mit einigen heißen Tagen folgte ein regnerischer August. Der trockene und durchgängig warme Herbst vermochte nichts mehr zu retten. Die Reben reiften unzulänglich, den Weinen fehlte es an Frucht und Substanz, sie gerieten grün und betont säuerlich.

Vom 1972er sind gefüllt und nummeriert worden: 235 137 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 2 500 Magnums, 62 „Grands Formats“ (darunter Doppelmagnums, Jéroboams, Impériales), 5 000 „Réserve du Château“ (R.C.).

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 160 und 200 Euro.

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