Mouton-Galerie: 1973 – Pablo Picasso

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1973, gestaltet von Pablo Picasso.


picasso Pablo1973: das Etikett

Über Pablo Picasso muß nicht langmächtig geplaudert werden; den Namen dieses Genies kennen auch amusische Menschen. Der am 25. Oktober 1881 im andalusischen Malaga als Sohn von José Ruiz Blasco und Maria Picasso y López geborene und am 8. April 1973 im südfranzösischen Mougins gestorbene Künstler liebte alles Schöne und alle Schönen wie auch sich selbst. Sein Gesamtwerk umfaßt geschätzte 50 000 Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Collagen, Plastiken und Keramiken. Kurzum: Der Mann war auch künstlerisch ein Berserker, der mehrere Stilformen entwickelt beziehungsweise mitgestaltet hat. Les Demoiselles d'Avignon, 1907 gemalt, ist eines seiner bekanntesten Werke, zugleich gilt es als ein Schlüsselbild der Klassischen Moderne. Populär ist auch die 1949 für den Pariser Weltfriedenskongreß entworfene Taube als Symbol des Friedens, und ein monumentales Meisterwerk ist Guernica, das 1937 anläßlich des spanischen Bürgerkriegs geschaffene Denkmal gegen die Schrecken des Krieges.

Picasso1908Als eine so starke Persönlichkeit hatte Picasso naturgemäß Neider und Gegner, zumal er sich rechtschaffen einen Ruf als Macho erworben hatte. Und kein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts ist so viel ausgestellt, so extensiv untersucht, studiert, publiziert, kommentiert und kritisiert worden; man verehrte, liebte und haßte ihn, der menschlich wie künstlerisch nach seinen eigenen Gesetzen lebte, der ein Star war, über den Fernande Olivier, seine erste Muse von 1905 bis 1912, beeindruckt schrieb: „Er hatte nichts Verführerisches, wenn man ihn nicht kannte. Allerdings, sein seltsam eindringlicher Blick erzwang die Aufmerksamkeit (…) dieses innere Feuer, das man in ihm spürte, verliehen ihm eine Art Magnetismus, dem ich nicht widerstand. Und als er mich kennenzulernen wünschte, wollte ich es auch.“ Fernande Olivier bildete er unter anderem in dem Ölgemälde La Toilette im Jahr 1906 ab sowie 1909 in Bronze gegossen als Tête de femme.

„Als ich bei Picasso ankam, war ich so tief bewegt und voller Respekt, als hätte ich eine Audienz beim Papst“. Das gestand Salvador Dalí 1926 nach seinem ersten Treffen mit Picasso. Später urteilte Dali, ein Anhänger Francisco Francos, reichlich boshafter: „Picasso es pintor, yo también; Picasso es español, yo también; Picasso es comunista, yo tampoco“ („Picasso ist Maler, ich auch; Picasso ist Spanier, ich auch; Picasso ist Kommunist, ich auch nicht“). Max Ernst hingegen bewunderte Picasso rückhaltlos: „Gegen den kann doch niemand ankommen, der ist doch das Genie." Dem pflichtete Douglas Cooper, ein Sammler und Kunsthistoriker, nur teilweise bei, über das ihm verstörend erscheinende Spätwerk Picassos urteilte er gnadenlos: „Unzusammenhängende Schmierereien, ausgeführt von einem rasenden Greis im Vorzimmer des Todes."

Das sah der Kunsthistoriker Werner Spies ganz anders: "Pablo Picasso hat die Kunst des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie kein zweiter. Unter den zahlreichen Phasen und Stilperioden in seinem Schaffen nimmt das Alterswerk eine besondere Stellung ein. Seine späten Bilder, die mit allen Fasern an Sinnlichkeit und Umarmung hängen, die Kuss und Kopulation in Großaufnahmen zeigen, sind geprägt von einer großen Rastlosigkeit, die darauf zielt, den Tod zu exorzieren. Den meisterhaft schnellen, ‚wilden‘ Gemälden stehen technisch akribisch ausgeführte Zeichnungen gegenüber, in denen eine einzigartige Erzählfreude vorherrscht. Vor allem der spannungsvolle Dialog von Malerei und Zeichnung, entwickelt in den Jahren in Mougins, zeigt den größten Künstler des 20. Jahrhunderts im Wettlauf mit der ihm noch verbleibenden Zeit.“

Das Etikett ist wertvoller als der Wein

Philippe de Rothschild war ein glühender Bewunderer von Pablo Picasso. Daß er den Jahrgang posthum mit dem bereits 1959 gemalten Bild namens Bacchanale etikettieren ließ und mit der Würdigung "Hommage à Picasso" überschrieb, gewinnt enorm an Bedeutung, wenn man weiß, daß der Wein von Mouton am 21. Juni 1973 auch offiziell in den Rang eines „Premier Cru Classé" erhoben worden ist, massiv unterstützt vom damaligen Landwirtschaftsminister - und späteren Premier sowie Staatspräsidenten - Jacques Chirac, der, nebenbei bemerkt, wegen seiner Durchsetzungskraft "der Bulldozer" genannt worden ist.

Als Baron Philippe, gerade 20 Jahre alt, im Herbst 1922 von seinem Vater Henri, der sich mehr für Literatur und Theater nebst den Damen vom Ballett interessierte, die Leitung des Weinguts übertragen bekam, rangierte Mouton in der berühmt-berüchtigten Wein-Klassifikation des Médoc aus dem Jahre 1855 noch an zweiter Stelle als sogenannter "Deuxieme Cru Classé", was man auf dem Gut mit selbstbewußter Arroganz kommentierte: „Erster kann ich nicht sein, Zweiter will ich nicht sein, ich bin Mouton." Rote Premiers Crus Classés waren von Anfang an nur Latour, Margaux, Haut-Brion und das den Vettern gehörende Lafite-Rothschild, der Rivale auf Lebenszeit. Die zweite Position mißbehagte dem erfolgsverwöhnten Baron gehörig, so daß er alles daransetzte, um seinen Wein in die Spitzenkategorie der Premiers zu hieven.

Mouton Galerie_1973_Detail

Und was niemand für möglich gehalten hatte - und Dutzende anderer Güter davon nur träumen ließ - , das gelang nach zähen Bemühungen und besten Beziehungen endlich im Jahre 1973. Die Kränkung, ja Schmach von 1855 war somit getilgt, der Baron feierte einen persönlichen Triumph. Alle anderen staunten und waren perplex. Das war nämlich die erste und bislang letzte Korrektur der Klassifikation, und seither lautet das Motto nicht weniger selbstbewußt „Erster bin ich, Zweiter war ich, Mouton ändert sich nicht." (Siehe dazu auch „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“)

Eine weitere Besonderheit des Jahrgangs ist, daß der Baron ab 1973 auf die bis 1972 im Etikett penibel nummerierte Angabe, wie viele Flaschen von welchen Formaten gefüllt worden sind, verzichtete.

MoutonGalerie1973Label1973: der Wein

Um es gleich und ohne die Barmherzigkeit des Liebhabers zu sagen: Nach dem äußerst dürftig, ja noch schlimmer geratenen 1972er und vor dem ziemlich reizlosen 1974er läßt sich dem 1973er wohl eine gefällige Art nebst einem bescheidenen Liebreiz attestieren, aber damit erschöpft sich auch schon das Beste, was über ihn gesagt werden kann. Gewiß, der Wein charmierte in seiner Jugend mit einer zarten Süße die Sinne. Und diese Süße hielt über die Jahre hinweg an. Doch bereits gegen Ende der 80er, also gerade mal fünfzehn Jahre nach der Geburt, zeigten sich erste Schwächen in Form von verblassender Frucht. Dem leicht gebauten, von Holz etwas dominierten Wein mangelte es halt an Farbe, Extrakt, Struktur und Länge.

Daß der Wein bis heute widersprüchlich bewertet wird, gründet in der jeweiligen geschmacklichen Vorliebe des Trinkers, was heißt: ein Körpertrinker urteilt anders als ein Eleganztrinker. Robert M. Parker vermochte als Freund eines kräftigen Geschmacks dem Wein naturgemäß nichts abzugewinnen, der Amerikaner vermißte Rückgrat und Dichte. Freilich urteilte auch Michael Broadbent, der frühere Weindirektor von Christie's und durchaus ein Freund subtiler Noten, recht früh nicht gerade enthusiastisch; er spricht von einem leicht zugänglichen Wein zum baldigen Konsum, lobt ihn als angenehm zu trinken, notiert aber auch eine Ausdrucksschwäche. Und Serena Sutcliffe, die Weinchefin von Sotheby's und gewiß keine radikale Kritikerin, rang sich 1996 nur eine gewisse Fruchtigkeit im Bukett ab und beklagte ansonsten den dünnen Geschmack.

Meine Notizen ergeben ein Auf und Ab und Hin und Her in allen Schattierungen von nett bis nichtssagend, von desaströs bis hübsch. Kurz nach der Füllung konstatierte ich neben einem hellen Rot eine zarte Süße in einem mittelgewichtigen, noch von Holz geprägtem Körper von angenehmer, doch harmloser Rundung. 1989 fiel das Urteil weniger freundlich aus: "Gereifte Farbe mit Wasserrand, stinkt nach Aceton und feuchten Kräutern. Im Geschmack etwas besser, gereift, hat jedoch gewissen Charme - leicht und kurz im Abgang mit malziger Note."

Weitere Erlebnisse von wechselhafter, eher abzulehnender Art folgen; es häufen sich Hinweise auf bräunliche Farben sowie überreife Aromen à la feuchter Waldboden, Moos, Pilze, Malzkaffee, Kohl und derlei ungustiöse Noten. Das Gros der Weine war hoffnungslos oxidiert, dünn, gezehrt, angesäuert. Auch besterhaltenen Weinen war die Frucht weitgehend abhanden gekommen, aber bitte, Liebhaber hochreifer Weine, zu denen übrigens die Engländer zählen, vermochten sich an manchen Flaschen dank Leder, Tabak, Zedernholz, getrockneten Früchten (Beeren, Sauerkirsche, Feige), Toast, Kräutern und Gewürzen (Kardamom, Minze) zu delektieren.

Und dann hatte ich 2013 eine erfreuliche, wegen der Überraschung nahezu beglückende Begegnung mit einem 1973er, die letzte bislang. Die wies alle bisherigen Notizen ins rhetorische Gerümpel. Ein Freund und notorischer Mouton-Sammler seit 1975 hatte aus Anlaß einer kleinen Jubiläumsverkostung eine Doppelmagnum von 1973 aus dem Keller geholt, der, nebenbei bemerkt, über eine hohe Luftfeuchtigkeit verfügt, die zwar den Etiketten zusetzt, doch die Korken recht stabil hält - und siehe da, der Wein mit hohem Füllstand bereitete, dekantiert und sogleich eingeschenkt, Freude, besser gesagt: Genuß der kleinen zarten Art. Die Farbe zielte ins Granatrötliche mit Orangerand, das Bukett war ziseliert und wie der Geschmack durchwoben mit reifen, doch keineswegs jenseitigen Noten. Nase und Gaumen nahmen sanft angewehte Fruchtnoten nach Kirsche, Cassis und Himbeere wahr, ergänzt um Tabak, Zeder und einem Hauch von Minze sowie Kakao. Der Körper war fragil, gewiß und der Nachgeschmack kurz, aber der Wein hatte sich nicht aufgegeben, sondern trotzte dem schlechten Ruf mit feiner Süße und charmanter Morbidezza. Und man konnte sicher sein, keiner Fälschung aufzusitzen, denn wer bastelt sich schon einen 1973er?!

In den Chroniken ist 1973 als mengenmäßig große Ernte verzeichnet. Der Frühling war warm, es gab eine schöne Blüte. Einem regnerischen Juli folgten ein heißer August und mildes Wetter bis in die erste Septemberhälfte hinein, was die Winzer auf einen qualitativ erstklassigen Jahrgang hoffen ließ. Doch die Natur kann perfide sein und spielte ihr eigenes Solo; das Wetter änderte sich, justament vor und während der Ernte verwässerte anhaltender Regen die Trauben.

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 85 (untere Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen als l.s. für low shoulder oder b.s. für below shoulder gekennzeichnet, was einem hohen bis totalen Oxidationsrisiko entspricht) und 270 Euro (hohe Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen auch als h.s. für high shoulder oder t.s. für top shoulder gekennzeichnet: bestens gelagerte Flaschen, völlig akzeptabel bei älteren Weinen; auch ein u.s. für upper shoulder ist annehmbar).

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