Mouton-Galerie: 1974 – Robert Motherwell

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1974, gestaltet von Robert Motherwell.


Motherwell Robert1974: das Etikett

Den Willen zur Kunst hatte Robert Motherwell, 1915-1991, bereits als Kind, doch auf Wunsch seines Vaters, eines Bankiers, studierte er zunächst Philosophie und Französische Literatur an Elite-Unis wie Stanford und Harvard. Nach einem zweijährigen Studienaufenthalt in Paris, wo er sich mit Künstlern wie Piet Mondrian und Fernand Léger angefreundet hatte, begann Motherwell ein Studium der Kunstgeschichte an der Columbia Universität. Er lernte Robert Matta kennen (siehe die Mouton-Galerie von 1962), mit dem er 1940 nach Mexiko reiste und dort auf den österreichischen Surrealisten Wolfgang Paalen traf.

Nach kurzem Flirt mit dem Surrealismus in den frühen 1940er-Jahren 
Motherwell Calligraphic_Studywandte sich Motherwell dem abstrakten Expressionismus zu und wurde einer der bedeutendsten Vertreter dieser speziell amerikanischen Kunstrichtung, die in den 50er-Jahren in New York als eine Art Befreiung von den europäischen Einflüssen entstand und zugleich ein Fanal gegen das etablierte Kunstverständnis der amerikanischen Kulturszene war. Die sogenannte New York School sorgte bald international für Aufsehen, zu den wichtigsten Vertretern gehörten neben Motherwell, der als intellektueller Kopf der Gruppe galt, als ein Maler, der denkt, auch Willem de Kooning, Mark Rothko, Franz Kline, Ad Reinhardt, Philip Guston, Joan Mitchel und Jackson Pollock.

Seine künstlerischen Arbeiten, Bilder wie Graphiken, sind beim ersten Hinschauen erst einmal schwer zu beschreiben; man muß die geometrischen Linien und kalligraphischen Zeichen, die teils zarten und Motherwell Mexikan_Nightdann wieder massiven Formen, die Ovale, Rechtecke, Kreise und Striche, mal puristisch und zugleich kraftvoll in Schwarz, dann wiederum in lebhaft leuchtenden Farben gestaltet, auf sich wirken lassen. Auf den ersten Blick verkörpern sie nichts Gegenständliches, doch für Motherwell sind es "vertraute Dinge, die zu meinem Leben gehören" wie das Ocker der Erde, das Grün des Grases, das Blau von Himmel und Meer, die Etiketten von "Gauloises", von "Players", ja der deutschen "Ernte 23" - "manchmal rauche ich die", hat der Künstler in einem Interview lächelnd gesagt.

Den internationalen Durchbruch des von Peggy Guggenheim ermutigten und geförderten Künstlers begründete die Ausstellung "The American Painting", die 1958/59 in wichtigen europäischen Kunstzentren und als Höhepunkt im Museum of Modern Art in New York gezeigt worden ist. In seinen vielen Aufsätzen und theoretischen Werken über die Kunst schrieb Motherwell von der Verpflichtung, "alles abzulehnen, was ich nicht fühle, woran ich nicht glaube". Zugleich betont er seine "reine Freude am Malen", gipfelnd in folgendem Kommentar: "Das Auftauchen der abstrakten Kunst ist eines der Zeichen dafür, daß es immer noch Menschen gibt, die in der Lage sind, das Gefühl in dieser Welt zur Geltung zu bringen...Manchmal wird vergessen, wie viel Esprit in den gewissen Werken der abstrakten Kunst steckt. Im Durchleben von Qual und Schmerz begegnet man an einem bestimmten Punkt dem Komischen - ich denke an Miró, an den späten Klee, an Charlie Chaplin, an die gesunden und humanen Werte, die in ihrem Geist zutage treten."

Am 16. Juli 1991 starb Robert Motherwell in Provincetown, Massachusetts, an einem Herzinfarkt.

Das Etikett ist wertvoller als der Wein

Das für das Mouton-Etikett ausgewählte Bild - ursprünglich ein Ölgemälde auf Leinwand - zeigt sein künstlerisches Genie und ist darüber hinaus ein symbolhaftes Beispiel für den bewegenden und aufrührerischen Geist der New York School.

Mouton Galerie_1974_21974: der Wein

Um es gleich unverblümt zu sagen: Nach dem äußerst dürftig geratenen 1972er und vor dem reizlosen 1977er steht der 1974er für eine unterdurchschnittliche Leistung von Mouton, die sich nicht alleine durch die ungünstigen Wetterverhältnisse erklären läßt. Daß auch aus einem mißgünstigen Jahr ein halbwegs guter Wein gekeltert werden kann, zeigt Latour, dessen 74er naturgemäß auch nicht gerade höchste Wonnen bietet, aber immerhin ein Gewächs von achtbarer Güte (und im Graves haben La Mission-Haut Brion sowie die Domaine de Chevalier vorzeigbare Weine erzeugt). Ansonsten waren die Weine dieses Jahrgangs von Anfang an und durchwegs spröde, fruchtarm und tanninhart geprägt - Eigenschaften, die sie zeitlebens behalten haben.

Es bedarf schon inniger moutonesquer Verehrung, dem Wein gute Seiten abzugewinnen. Gut, von 1981 fand ich eine Notiz mit hellem Rubin, etwas Cassis und einem Hauch von Kräutern nebst Minze, gefolgt von Zedernholz und Kaffee, aber schon damals bemängelte ich ein schales Bukett sowie fehlende Fruchtdichte. Aus 1989 stammt folgende Beschreibung: "Ziemlich flach. Ein bißchen Fruchtigkeit in Form von schwarzer Johannisbeere legitimiert allenfalls die Tat von Mouton, diesen Jahrgang überhaupt in Flaschen zu füllen. Jodig, spröde am Gaumen, säuerlich und kurz im Abgang. Dem leicht gebauten, von Holz etwas dominierten Wein mangelt es an Farbe, Extrakt, Struktur und Länge."

Meine letzte Begegnung mit dem 1974er war im Jahre 2013 eine Magnum, die ein Mouton-Sammler aus seinem klimatisch bestens ausgestatteten Keller geholt hatte - und siehe da, der Wein mit hohem Füllstand bereitete, dekantiert und sogleich eingeschenkt, Freude, besser gesagt: Genuß der kleinen sanften Art. Die Farbe zielte ins Granatrötliche mit Orangerand, das Bukett war ziseliert und wie der Geschmack durchwoben mit reifen, doch keineswegs jenseitigen Noten. Nase und Gaumen nahmen sanft angewehte Fruchtnoten nach Cassis und Himbeere wahr, ergänzt um Tabak, Zeder und einem Hauch von Minze sowie Kakao nebst einem Einsprengsel von Unterholz sowie Champignonsud. Der Körper war fragil, gewiß und der Nachgeschmack kurz, aber der Wein hatte sich nicht aufgegeben, sondern trotzte dem schlechten Ruf mit zarter Alterssüße. Unser Erstaunen war groß, keiner hätte - trotz der Magnum - auch nur einen Pfifferling auf den Wein gegeben, doch die Erklärung folgte nach einem Blick auf die Flasche: Die war kürzlich neu verkorkt und sicher mit einem jüngeren Wein von kräftiger Art vermählt worden.

Sämtliche andere Erlebnisse waren, wie freilich nicht anders zu erwarten, enttäuschend, es häufen sich in den Aufzeichnungen negative Anmerkungen wie bräunliche Farben sowie überreife Aromen à la feuchter Waldboden, Moos, Pilze, Malzkaffee, Kohl und derlei ungustiöse Noten. Das Gros der Weine war hart, dünn, bitter, gezehrt, angesäuert, vegetabil, unbalanciert, geschmacklos, auch hoffnungslos oxidiert.

In den Chroniken ist 1974 als mengenmäßig große Ernte verzeichnet. Der Frühling war warm, es gab eine schöne Blüte. Im Juni und Juli war es sonnig und trocken, die Winzer frohlockten in Erwartung eines feinen Jahrgangs, aber die Natur kann perfide sein. Prompt setzte ab etwa Mitte August kühles und feuchtes Wetter ein, der Regen platschte insbesondere im September und bis in den Oktober hinein massiv auf die Weingärten und verwässerte die Trauben. Auf Mouton hatte man wohl gepokert und mit der Ernte erst einmal gewartet, doch die Wetterprognosen blieben ungünstig, so daß die Pflücker ab 1.Oktober in die Weingärten geschickt worden sind.

Vom 1974er sind gefüllt und nummeriert worden: 237 500 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 3 135 Magnums, Jéroboams, Impériales. Keine Angabe gibt es über die fürs Gutsarchiv bestimmten Flaschen, die „Réserve du Château“ (R.C.), die üblicherweise 5 000 Bouteillen umfaßt.

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 170 (untere Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen als l.s. für low shoulder oder b.s. für below shoulder gekennzeichnet, was einem hohen bis totalen Oxidationsrisiko entspricht) und 210 Euro (hohe Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen auch als h.s. für high shoulder oder t.s. für top shoulder gekennzeichnet: bestens gelagerte Flaschen, völlig akzeptabel bei älteren Weinen; auch ein u.s. für upper shoulder ist annehmbar).

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