Mouton-Galerie: 1975 – Andy Warhol

Über kein Weingut ist mehr geschrieben worden, kein Wein unter den Bordeaux-Granden, Lafite, Margaux und Latour eingeschlossen, ist populärer: Château Mouton-Rothschild! Den kennen auch Sonntagstrinker und vermögen darüber artig zu parlieren, selbst wenn sie den Wein noch nie getrunken haben. Liegt’s an der Klasse, der außergewöhnlichen Güte des Gewächses? Gewiß spielt der reine Weinwert eine Rolle, fördert ein Monument wie der 1945er die Legendenbildung. Allerdings ist Mouton unter den Großen nicht unbestritten der Größte, gibt es unter den Jahrgängen auch etliche Ausreißer, nach oben und mehr noch nach unten. Und ob der 1945er wirklich der „größte Wein aller Zeiten“ ist, wie ein Weinhändler meint und für die Flasche knappe 10 000 Euro fordert, ist kühn behauptet. Selbst wenn man edelsüße Weine ausnimmt, finden sich allein unter den Bordelaiser Roten weitere Größen à la 1959 Lafite, 1961 Margaux und Latour oder Weine, die dem 45er an Exzentrik kaum nachstehen wie Cheval Blanc sowie Lafleur des Ausnahmejahrgangs 1947.

Richtig ist, daß der 45er Mouton einer der ungewöhnlichsten Weine ist, ein Gewächs mit stringenter Kraft und Exotik, freilich auch nicht unsterblich. Aber kein Château weist eine faszinierendere Geschichte auf als eben Mouton, was an Baron Philippe de Rothschild liegt, jenem charismatischen Mann, der das Gut im Oktober 1922 vom Vater übernommen und bis zu seinem Tod am 20. Januar 1988 geführt hat (siehe dazu „Mouton-Rothschild: der Prachtvolle – ein Porträt“). Baron Philippe war Patron, Spiritus Rector und nichts weniger als Erneuerer, sozusagen Herz, Hirn und Seele von Mouton. Die Genialität seines Machers spiegelt sich wortbildlich am Schönsten in den von Künstlern Jahr für Jahr neu gestalteten Etiketten. Die Idee dazu hat der gleichermaßen kunstsinnig empfindende wie ökonomisch gewiefte Mann in Szene setzen lassen.

Das erste Künstleretikett schmückte den 1924er, gestaltet von Jean Carlu. Davor war das Etikett ein schlichter Druck mit den üblichen Hinweisen auf Gutsnamen, Besitzer, Region, Jahrgang – und den Namen des Verwalters! Das Carlu-Etikett ziert danach weitere Jahrgänge, speziell Großflaschen von 1925 und 1926. Das renommierte Weinhandelshaus „Nicolas“ hat es auch für einige ältere Jahrgänge ab 1918 verwendet – damals war es üblich, daß die Châteaux ihre Weine faßweise an den Handel verkauften. Erst ab dem Jahrgang 1924 ist der Mouton-Wein auf dem Gut in Flaschen gefüllt worden, und das war die zweite bemerkenswerte, spektakulär empfundene Tat von Baron Philippe: die Einführung des Schloßabzugs, der inzwischen längst selbstverständlichen „Mise en Bouteille au Château“.

Gleich darauf ließ man die Idee, Künstler mit der Gestaltung der Etiketten zu betrauen, zwar einschlafen und kehrte zur konservativen Gestaltung in Form des Mouton-Wappens zurück; außerdem wurde der Gutsname „Château Mouton-Rothschild“ groß herausgestellt und der des Verwalters gestrichen. Zwischen 1925 bis einschließlich 1944 gab es kein Künstleretikett, doch initiierte der Baron einige Neuerungen. Seit 1934 signierte er das Etikett und ließ darauf die Anzahl der abgefüllten Flaschen vermerken; jede Bouteille wird zudem präzise nummeriert. Lediglich auf den Jahrgängen 1938 bis 1941 fehlt die Signatur, weil der Baron zum Zeitpunkt der jeweiligen Abfüllung, die drei Jahre nach der Ernte erfolgte, sich in Haft der Vichy-Regierung befand beziehungsweise im aktiven Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Bis 1978 lautete die Unterschrift „Philippe de Rothschild“, seit 1979 “Baron Philippe“, ab dem Jahrgang 1987 signierte „Philippine de Rotschild“, die Tochter und Erbin des Barons, die Etiketten – nach ihr, die am 23. August 2014 starb (siehe: „Ein Nachruf: La Baronne trank keinen jungen Mouton“), stehen ihre beiden Söhne Philippe und Julien sowie die stark engagierte Tochter Camille Sereys de Rothschild an der Spitze des Unternehmens.

Unter dem Titel „Mouton-Galerie“ wird in der Feinschmeckerey die Geschichte der Künstleretiketten nebst den Weinen dokumentiert; begonnen worden ist mit Jean Carlu’s Etikett von 1924, die Serie wird heute fortgesetzt mit 1975, gestaltet von Andy Warhol.


1975: das Etikett

Warhol Andy_1977Über Andy Warhol („Ich wollte immer eine Maschine sein“), muß nicht langmächtig parliert werden, der Mann mit dem bleichen und unendlich traurig wirkenden Gesicht und der silbern gefärbten Perücke, am 6. August 1928 als Andrej Warhola in Pittsburgh geboren und am 22. Februar 1987 in New York gestorben, entstammte einer bäuerlichen Familie aus den Karpaten, war ein Künstler von originellem wie auch originärem Rang, vielleicht mehr einfallsreich als schöpferisch im klassischen künstlerischen Sinne, doch raffiniert in seinem Talent, sich den Markt zunutze zu machen – und ein Fürst der Pop-Art, die er immerhin mitbegründet hatte.

Den gelernten Graphiker erkennt man auch in seinen Werken, die sind Spiegelbilder der Alltagskultur, bevorzugt vermarktet im Siebdruckverfahren dank dessen unbegrenzter Reproduzierbarkeit mit Tausenden von Campbell-Suppendosen, Cola-Flaschen, Blumen oder die besonders populären Porträts prominenter Personen wie Marilyn Monroe, Mao, Jackie Kennedy, Muhammed Ali, Mick Jagger und Liz Taylor. Seine Trivialmotive überzogen die Welt und füllen bis heute die Flohmärkte. Er schien fasziniert vom Boulevard der Schicken und Schönen, vom Glamour der Stars.

Seine1962 gegründete Factory war nicht nur Atelier und Kunststudio. Hier fanden auch die berühmten, teils berüchtigten Partys statt, und diese Werkhalle war zudem eine Zentrale für Klatsch und Tratsch. Privat gab Warhol nur wenig preis; aus seiner Homosexualität machte er zwar kein Geheimnis, doch outete er sich nicht öffentlich. Truman Capote nannte ihn eine „Sphinx ohne Geheimnis“. Er war ein Meister in der Kunst, den Mythos „Andy Warhol“ auszubauen und zu pflegen.

Nach dem Attentat, verübt durch eine Frauenrechtlerin, die ihn am 3. Juni 1968 schwer verletzte, war Warhol ein anderer Mensch geworden, ängstlich bis zur Hypochondrie, abergläubisch und befallen von einer Kauf-und Sammelwut - in seinem Nachlaß fanden sich historische Kunstwerke, Arbeiten von Pop-Kollegen wie Lichtenstein, Rauschenberg und Twombly sowie Porzellan, wertvolle Möbel, Uhren und Broschen aus dem Art Deco ebenso wie Kitschobjekte à la Kaugummiautomaten und Mickey-Mouse-Figuren. Er sagte: „Wer alles über Andy Warhol wissen will, braucht nur die Oberfläche anzusehen, die meiner Bilder und Filme und von mir, und das bin ich. Da ist nichts dahinter.“

In seinen „Tagebüchern“ beschrieb Richard Burton Andy Warhol, mit dem er im Rahmen eines Festes bei Guy de Rothschild am selben Tisch saß, als einen “aus einem Horrorfilm entsprungenen Gentleman: Solange er sich nicht bewegte, sah er aus wie eine Leiche, und wenn doch, was selten vorkam, wie ein schönheitschirurgisches Fiasko. Er hatte weder Augenbrauen noch Wimpern und trug eine grauenhafte Perücke oder gefärbte Haare, vorne bis zum Scheitel schneeweiß und hinten ein undefinierbares Braun, ein bißchen wie meins. Sein Gesicht war mit Make-up zugekleistert und hier und da mit ein paar Beulen versehen, als hätte ein ungeschicktes Kind es aus Gips geformt.“

Das für das Mouton-Etikett ausgewählte Bild zeigt – auf Basis von Fotografien - zwei nebeneinander platzierte Versionen eines Porträts von Philippe de Rothschild, farbig durchmischt.

Mouton Galerie_75_Details

1975: der Wein

Mouton Galerie_1975Von Geburt an war der Jahrgang umstritten, rätselhaft wie eine Sphinx. Während die einen gleich von einem Jahrhundertjahrgang schwärmten, dem besten seit 1961, urteilten andere zurückhaltender und besorgt vor allem wegen der harten Gerbstoffe. Wird sich das Tannin glätten, sich die Frucht jemals durchsetzen? Ja, meinten die Optimisten, die nach drei aufeinander folgenden dürftigen bis mittelmäßigen Ernten freilich auf Lob gestimmt waren. Und tatsächlich hatte der 75er einiges zu bieten, die Trauben waren auf Mouton vollreif geerntet worden mit relativ hohem Zuckeranteil und dicken Häuten. Der Jungwein war tiefschwarz, voller Duft und reichem Potential, aber das Tannin umfing den Wein wie mit einer eisernen Faust (massive bis besonders strenge Gerbstoffe belasteten die Gewächse jener Winzer, die ihre Cabernet-Trauben zu früh gelesen und nicht völlig entrappt hatten). Also sprach man von einem „Vin de garde“, einem Wein mit extrem langsamer, viel Geduld einfordernder Entwicklung.

In seinen ersten Jahren gab sich der 1975er abweisend. Noch Mitte der Achtziger habe ich über den 75er aus der Magnum notiert: Volle Farbe, verschlossenes Bukett, gibt nur einen Hauch von Frucht frei. Der Körper ist stark und fest, noch zugeknöpft. Man beißt sozusagen auf Tannin, das wirkt adstringierend im kantigen Abgang. Die exotisch wirkende, für Mouton charakteristische „Minze“ ist deutlich spürbar. 1989: Noch unaufgeblüht. Dunkles Bukett, beerig und duftend nach Veilchen, Zedernholz, Vanille, Leder, Mokka, Tee, Schokolade, Pflaume, Minze. Von Tannin durchwoben. Noch scheint die Frucht stark genug zu sein, um das Tannin zu überleben.

In den 90ern offenbarten sich zunehmend drei Erkenntnisse: 1. Der Wein ist weniger opulent wie vielfach beschrieben. 2. Die Gerbstoffe sind hartnäckig. 3. Die Frucht wird nicht triumphieren. Die Farbe changierte in den Normalflaschen inzwischen von tiefrot über Rubin bis ins Rubingranate und schließlich Granatrote mit mehr oder weniger Aufhellungen am Rand; je nach Qualität der Flaschenlagerung sind auch Brauntöne zu verzeichnen. Wie die Farbe wechseln die Aromen, mehr und mehr mischen sich Noten à la Jod, Graphit, schwarzer Tee welke Blüten, Dörrpflaumen neben erdigen, lederigen, tabakigen und lakritzigen Tönen ins Bukett.

Auch geschmacklich dominieren immer stärker reife bis überreife Noten. Die Frucht wird blasser, das Tannin bleibt. Hinzu kommt freilich eine zarte, reizvolle Süße. Meine letzte Notiz stammt von 2015, eine Magnum in besten Zustand: Leicht aufhellendes Rubingranat. Einladendes Bukett mit Noten von Dörrpflaumen, Cassis, etwas Graphit, Minze, Zeder, Tabak, schwarzer Tee, Schokolade und Leder nebst einem sanften medizinalen Ton. Sublime Süße in Duft wie Geschmack. Tanninbetont im Abgang, aber nicht mehr so rau wie früher. Fazit: Kein großer Wein und schon gar kein Schmeichler, doch für Liebhaber leicht überreifer Médoc-Gewächse ein Genuß, eine perfekt gelagerte Bouteille vorausgesetzt. Neben anderen Granden wie La Mission-Haut-Brion, Lafleur, Pétrus, L’Evangile und Léoville-Barton zählt so ein Mouton zu den Jahrgangsbesten.

In den Chroniken ist 1975 als mengenmäßig große Ernte verzeichnet. Nach einem milden Winter gab sich der Frühling warm, abgesehen von einigen wenigen Kältephasen, die jedoch ohne negativen Einfluß blieben. Eine sehr schöne Blüte ließ auf einen feinen Jahrgang hoffen. Der Sommer war heiß und weitgehend trocken, die Winzer frohlockten stärker in Erwartung eines exzellenten Jahrgangs, zumal willkommener Regen vor der Ernte, die am 22. September begann, für einen ausgeglichenen Haushalt in den Trauben sorgte.

Vom 1975er sind gefüllt und nummeriert worden: 241 000 Normalflaschen und halbe Bouteillen, 9 245 Magnums, Jéroboams, Impériales. Keine Angabe gibt es über die fürs Gutsarchiv bestimmten Flaschen, die „Réserve du Château“ (R.C.), die üblicherweise 5 000 Bouteillen umfaßt.

Der aktuelle Preis pendelt – je nach Händler und Zustand des Etiketts sowie der Füllhöhe - zwischen 170 (untere Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen als l.s. für low shoulder oder b.s. für below shoulder gekennzeichnet, was einem hohen bis totalen Oxidationsrisiko entspricht) und 270 Euro (hohe Schulterfüllhöhe, im Handel und bei Auktionen auch als h.s. für high shoulder oder t.s. für top shoulder gekennzeichnet: bestens gelagerte Flaschen, völlig akzeptabel bei älteren Weinen; auch ein u.s. für upper shoulder ist annehmbar).

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