1966 Haut-Brion in der Magnum:

Oft ist zu hören, Wein sei ein Mysterium. Das klingt nach Shakespeare im Glas und arg nach Religion, doch da ist was dran. Gestern habe ich mit Freunden einen 1966er Haut-Brion aus der Magnum entkorkt. Der Jahrgang gilt nicht gerade als Champion des Gutes, aber weil es auf Haut-Brion – etwa im Gegensatz zu Lafite, Margaux und anderen – nie eine ausgeprägte Schwächephase gab, war die Erwartung angemessen hoch. Das Rot war gebleicht, der Duft ein Mix aus gerösteten Kaffeebohnen, Lakritze, Tabak und etwas Waldboden. Der Wein gestattete sich noch einen Anflug von Köstlichkeit, doch sei er doch schon recht welk, lautete das Urteil.

Und siehe da, nach einer knappen Stunde blühte der 66er auf. Keine Spur mehr von Champignons im Bukett, wie weggeblasen jegliche Morbidität. Aus dem Glas strömte es delikat nach reifen schwarzen Früchten, nach Cassis, Leder, Tabak und ein bißchen Minze: Auch geschmacklich hatte der Wein enorm zugelegt – er gab sich auf einmal dicht und reich an Nuancen; selbst die Farbe, man mochte es kaum glauben, schien dunkler geworden zu sein. Es gibt eben Weine, die Rätsel aufgeben, uns immer wieder verblüffen.

Das Unberechenbare am Wein fasziniert. Es bewahrt vor Langeweile, ist sozusagen der Triumph der Seele über den Verstand, zugleich freilich auch eine Warnung vor dem Hochmut in Gestalt einer Eh-schon-alles-wissen-Attitüde. Keiner weiß alles über Wein. Deswegen braucht man sich dem Wein nicht demütig zu nähern. Dies wäre übertriebene Frömmelei. Respekt hingegen darf sein, auch Geduld – dem sauber gemachten Landwein gegenüber ebenso wie einer Rarität. Vor allem jedoch sollen uns Wein & Co eines vermitteln: unbeschwerten Genuß!

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