1970 Château Calon-Ségur, Troisième Cru St. Estephe

1970 Château Calon-Ségur, Troisième Cru St. Estephe

Bei älteren Weinen ist es dienlich, mehrere Flaschen aus möglichst unterschiedlichen Kisten zur Hand zu haben. Abgesehen davon, daß Weine je nach der Art ihrer Lagerung unterschiedlich altern, sind die 70er im Bordelais überwiegend noch direkt von den einzelnen Barriques in die Flaschen gefüllt worden. Es liegt in der Natur der Sache, daß der Wein von Faß zu Faß differierte. Zudem haben ältere Bouteillen nicht selten wahre Weltreisen hinter sich, bevor sie schließlich im Keller eines Liebhabers landen. Prompt haben sich die beiden 1970er unterschiedlich präsentiert.

Calon-Segur 70Die Ungleichheit fiel zwar nur gering aus, aber sie war deutlich genug, um sagen zu können, daß gut erhaltene Bouteillen sich noch genußvoll trinken lassen. Der weniger feine Wein schimmerte granatrot mit braunem Rand, bot ein mäßiges Bukett und schmeckte gezehrt, wenngleich man barmherzig noch von morbidem Charme sprechen konnte. Hingegen erfreute der 1970er in der anderen Flasche durch ungebeugte Frucht und Finesse – gereift und auch ein paar Millimeter über dem Höhepunkt, gewiß, aber die einst harten Gerbstoffe sind geschmeidig geworden und stützen einen Wein mit Delikatesse und Noten von Pflaume, Leder, Tabak sowie Vanille nebst ein bißchen Schokolade.

Der Wein ist zu etwa einem Drittel in Fässern aus neuem Holz ausgebaut worden; die Cuvée besteht aus 65 Prozent Cabernet Sauvignon, 20 Prozent Merlot und 15 Prozent Cabernet Franc. In einem normalen Jahr werden um die 240 000 Flaschen gefüllt; der Zweitwein heißt Marquis de Calon, benannt nach jenem Nicolas-Alexandre de Ségur, der als Prince des vignes in die Geschichte einging. Der Adelsmann besaß im 18. Jahrhundert auch Lafite und Latour, von ihm ist jener Satz überliefert: „Ich mache Wein auf Lafite und Latour, aber mein Herz gehört Calon.“ Zur Erinnerung daran ziert heute noch ein Herz das Etikett.

Calon-Ségur war nie ein populärer Wein, aber geachtet und begehrt von den Freunden eines traditionellen St.Estephe-Stils, was heißt: eher hart als weich in der Jugend, in guten Jahren dichtfruchtig gebaut mit viel Fleisch und Muskel, gehaltvoll, geradlinig strukturiert, ausgestattet mit einem stabilen Tanninkorsett, das für Langlebigkeit sorgte und den Weinen im Alter jene Eleganz bescherte, die, fern jeglicher oberflächlicher Gefälligkeit, ihre Liebhaber entzückte. Zwar hat es zwischen 1962 und bis in die 80er-Jahre hinein einige Schwächephasen gegeben. Aber 1966, 1975, 1982 und auch 1970 fielen respektabel aus – auch wenn Robert M. Parker den 70er nicht gepriesen hat. Nach wie vor über Größe verfügen alte Weine von 1945, 1947, 1949, 1953. Sensationell schmecken 1924, 1926, 1928, 1929 und 1934 – zumal in Großflaschen, aber auch in der Eintel vermögen sie zu entzücken.

Calon Segur_das_Chateau

Nach dem Tod von Philippe Capbern-Gasqueton im September 1995 – er hatte das Gut von 1938 an geführt und nannte seinen Wein „recta sapere“, von ehrlichem Geschmack - übernahm seine Witwe das Gut (inklusive Château Capbern-Gasqueton, ein benachbartes Bürgergewächs) – und sie tat es mit der Bravour und dem bestimmenden Charme einer Grande Dame. Schon der 1995er zeigte Größe, weitere herausragende Jahrgänge folgten. Im September 2010 starb Denise Capbern-Gasqueton friedlich im Schlaf, zwei Jahre später erwarb eine Versicherung im Verein mit dem Weinhandelshaus Moueix beide Güter, die seit 1884 der Familie Capbern-Gasqueton gehörten, für runde 200 Millionen Euro.

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