2009 Château Montrose, St. Estephe

2009 Château Montrose, St. Estephe

Undurchdringliches Tiefdunkelrot. Reich, ja üppig ausgestattetes Aromenpaket. Der Wein ist noch derart kompakt, also massig und festgefügt, so daß er sich erst nach dem Dekantieren und etlichen Minuten im Glas einige Details entlocken läßt. Die Nase registriert würzig-süßliche Noten nach reintönigen dunklen Beeren à la Cassis und etwas Brombeere, Vanille, Leder, Tabak, Zedernholz und Mokka nebst ein wenig Schokolade und Rauch (wie gegrilltes Steak). Der Körper ist dicht gewoben, das Tannin stark, doch bestens integriert. Die hohe Konzentration wirkt wuchtig – auch am Gaumen. Ein grandioser Wein mit Tiefe, der mit seinen stattlichen 14 Prozent Alkohol nur die Frage provoziert oder erlaubt, ob das noch ein klassischer Médoc ist, gar ein St. Estephe, der doch für Strenge in jungen Jahren bekannt und bei Sonntagstrinkern dafür berüchtigt ist?! Egal, der Wein hat Größe!

Montrose 2009Anmerkung:
Obwohl es ein zweitklassifiziertes Gewächs ist, also in der Médoc-Hierarchie gleich hinter den großen Fünf à la Latour, Haut Brion, Margaux, Lafite und Mouton-Rothschild rangiert, zählt Château Montrose (das »t« wird übrigens nicht ausgesprochen) in Deutschland eher zu den Außenseitern. Jeder halbwegs gebildete Weinfreund kennt selbstverständlich das Château und hat dessen Weine getrunken. Legendär ist Montrose für seine Weine aus den 20er-Jahren. Exzellent trinkt sich noch der 1893er, ein geradezu unsterblicher Wein. Groß sind auch 1989, 1990, 1995 und 2000.

Aber von Montrose gibt es auch einige schwache Serien. Vom Stil her hat Montrose bis etwa Mitte der 7oer-Jahre nie seine Herkunft verleugnet. Montrose war typisch St. Estephe, was heißt: mächtig, tanninstark, streng. Samtig war ein Fremdwort. Deswegen und weil die Weine eine lange Reifezeit benötigten, nannte man Montrose durchaus respektvoll den "Latour von St. Estephe". Gegen Ende der 70er-Jahre, und zwar schon deutlich ab 1978, änderte man auf dem Gut den Stil. Man machte die Weine weicher, unter anderem wurde der Anteil von Merlot gegenüber Cabernet Sauvignon und Petit Verdot erhöht (zur gleichen Zeit nahm man übrigens auch auf Cos d'Estournel, dem großen Rivalen, einen deutlichen Stilwandel hin zu mehr weicher Fülle vor).

Der tanninärmere, "leichtere", sanfter und vor allem samtiger sich trinken sollende Montrose stieß bei Kennern auf ziemlich herbe Kritik. Die Cuvée war ein matter Kompromiß: nicht mehr St. Estephe, doch auch weder Pauillac noch St. Julien. Wenige Jahre später korrigierte man sich. Ab 1986 atmen die Weine von Montrose wieder mehr von der muskulösen Kraft eines St. Estephe. Gegenüber Klassikern aus vergangenen Zeiten sind sie allerdings, bei aller Wucht und Potenz, deutlich geschmeidiger. Das ist - als ökonomische Überlegung - wohl ein Zugeständnis an den Zeitgeschmack, freilich auch das Ergebnis veränderter Weinbergsarbeit sowie neuer Kellertechniken.

Montrose Weinkeller


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