2011 Kiedricher Gräfenberg, Riesling tr., Weingut Robert Weil

2011 Kiedricher Gräfenberg, Riesling tr., Weingut Robert Weil

Die Pracht hat viele Seiten und auf einer steht: Gräfenberg. Der hellgelb mit grünem Schimmer glänzende Wein, dekantiert und aus großzügig geformten Gläsern getrunken, öffnet sich langsam und entbietet Nase sowie Gaumen einen suggestiven, reich und komplex geschichteten Aromenfluß mit reintönigen, botrytisfreien Noten von gelben Früchten (wie reifem Pfirsich, Apfel, frischer Ananas, etwas Zitrus) sowie einem aparten, an Anis erinnernden Würzehauch.

Weil 2011Die ausgeprägt kühle mineralische Mitgift des Bodens unterstreicht die Eleganz und Rasse dieses geradlinig und vertikal mit starkem Fruchtkern angelegten Weins, der laut Wilhelm Weil ("Der Gräfenberg ist für mich ein Tänzer unter den Rheingauern") in großvolumigen Holzfässern ausgebaut worden ist. Geschmacklich besticht der verführerisch duftende und bei all seiner fruchtigen Kraft vertikal geschichtete Wein durch die Vereinigung von Grazie, Ernsthaftigkeit und spielerischer Eleganz. Er wirkt noch etwas verknospt, doch wie alle großen Gewächse läßt sich auch der 2011er Gräfenberg schon jetzt mit Genuß trinken. Seine ganzen Talente wird er dank bestem Lagerpotenzial freilich erst in etlichen Jahren offenbaren. Das ist ein regierender Fürst unter den Rheingauer Rieslingen, ein selbstbewußter Wein, der nicht protzt, sondern mit Bedacht erschlossen werden will. (13 Grad Alkohol, 7 Gramm Restzucker pro Liter, 7 Gramm Säure pro Liter, www.weingut-robert-weil.com)

Anmerkung:

Der Gräfenberg, ein sogenanntes Großes Gewächs (GG), ist nahezu komplett im Besitz des Weil'schen Gutes. Neben dem höher gelegenen Turmberg, der nicht zuletzt im Rahmen der Klimaerwärmung stetig an Bedeutung gewinnt, ist der Gräfenberg die Paradelage, deren Trauben bis gegen Ende der 1980er-Jahre bewußt für edelsüße Gewächse bevorzugt worden sind. Das hat sich geändert, inzwischen wird auch dem trocken genannten Weinstil die gebührende Achtung zuteil, generell im Rheingau und verstärkt im Hause Weil. Diese Gewächse zeigen seit 2001 qualitativ eine deutlich aufsteigende Tendenz – dank des Gräfenberg-Potenzials verfügen sie von Natur aus über ausreichend muskuläre Statur. Hinzu kommt, daß die Klimaveränderung sich längst positiv auf den Reifeprozeß der Trauben auswirkt. Wilhelm Weil: „Keine Generation vorher konnte in der Konstanz große trockene Rieslinge ernten wie unsere; die jährliche Vollausreifung der Trauben ist heute garantiert.“

Die Kraft der Lage in Verbindung mit der Erwärmung des Klimas erlaubt Weil, die Weine der Großen Gewächse wie die Spätlesen zunehmend trockener auszubauen. Verfügten die sogenannt „fruchtsüßen“ Spätlesen früher über 100 und mehr Gramm Restzucker pro Liter, sind es beim Jahrgang 2015 nur mehr um die 70 Gramm (der 2012er bot noch 90 Gramm auf), und der Süßepegel wird sich weiter nach unten neigen. Angestrebt wird ein endgültiger Zuckergehalt bei den Spätlesen um die 50 Gramm pro Liter. Weil: „Wir gehen ganz klar in die Richtung trockener Wein.“ Dies gilt insbesondere für die trocken ausgebauten Großen Gewächse, bei denen im Laufe der letzten Jahre der Restzuckergehalt von notorisch neun Gramm per Liter auf fünf bis sechs Gramm abgesenkt worden ist – abhängig von Güte und Statur des Jahrgangs könnte laut Weil „dieser Restzucker auch noch niedriger ausfallen, wobei es nie um Analysen geht, sondern nur um die Sensorik“. Die körperreichen GG werden, beginnend ab dem Jahrgang 2003 und komplett seit 2012 in großen Holzfässern ausgebaut, dem sogenanntem Stückfaß mit 1 200 Litern sowie dem Doppelstück mit 2 400 Litern Fassungsvermögen.

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