1996 Gevrey-Chambertin Clos St. Jacques 1er Cru, Armand Rousseau, Burgund

1996 Gevrey-Chambertin Clos St. Jacques 1er Cru, Armand Rousseau, Burgund

Dunkelrubin fließt der Wein mit seidigem Glanz ins Glas und entfaltet im Nu sein betörendes, vielschichtig ziseliertes Bukett mit Aromen nach Kirsche, Himbeere sowie jenem schwer zu beschreibendem Ton, den der Franzose achtungsvoll „gout animal“ nennt, was sich leicht als animalischer Geschmack übersetzen läßt. Und tatsächlich ist diese zart an rohem, frischem Rehfleisch orientierte Note typisch für große Burgunder in jüngeren Jahren. Und keine Frage: der 96er ist noch jung, nicht jugendlich, was weniger wäre. Der Wein hat eine feine Extraktsüße mit einem langen, von subtiler Bitterschokolade geprägtem Nachklang.

Gevrey RousseauGeschmacklich wird der Wein von Minute zu Minute substanzieller, auch vielschichtiger. Es ist ein traditionell gekelterter Wein, der geschmeidige Fülle mit seidigem Gewebe verbindet. Im Abgang ist ein sanfter Tanninhauch zu spüren, und eine delikate, den langen Nachklang prägende Süße kündet von einem Wein, der noch ein Leben in Schönheit vor sich hat. Mich erinnerte er an einen 1937er Grands Epenots von der Domaine Gaunoux, den ich vor 22 Jahren mit viel Genuß getrunken habe.

Ich verrate kein süßes Geheimnis mit dem Bekenntnis, Burgunderweine sehr zu mögen, ja zu lieben. Zwar ist oft zu hören, Burgunder seien überparfümiert – schon richtig, so mancher Pinot noir tritt auf wie ein Feldmarschall von 1871: pompös, stolzierend, mit Lametta aufgeputzt. Gute und zumal große rote Burgunder sind stets eine Begegnung mit dem Überfluß. Aber sie faszinieren nicht durch Übertreibung, sondern dank ihres dichten Fruchtbuketts und der samtigen Tiefe. Kein anderer Rotwein verfügt über diese Kombination von Kraft, Finesse und Geschmeidigkeit, jene mitunter schon unkeusch zu nennende Sinnlichkeit. Nichts gegen Bordeaux, doch ohne Burgund sähe die Weinwelt arm aus.

Burgunder wie Blumensträuße

Marie-Henri Beyle, besser bekannt unter seinem Pseudonym Stendhal (1783-1842), war ein französischer Literat, Journalist, Politiker und vor allem ein Mann, der Weine kannte und liebte. Über Burgunder hat er ebenso entzückend wie unwiderleglich geschrieben: "Man kann sie mit Blumensträußen vergleichen. Im Verein mit einer interessanten Unterhaltung - aber das ist eine conditio sine qua non - erhöhen sie die Entrücktheit des Augenblicks. Sie machen den Menschen für einige Stunden gut und fröhlich. Und es ist eine Dummheit von uns, die wir so selten gut, so selten fröhlich sind, die Wunder der heiligen Flasche zu vernachlässigen."

Wie wahr und wie beherzigenswert. Von den Klassikern kann man halt immer noch viel lernen, wohingegen zeitgenössische Dichter eher die Schlechtigkeit der Welt besingen.

Gute Pinot noirs haben das klassische Burgunderrot. Es ist nie so dunkel wie das Rot des Cabernet Sauvignon, doch das darf nicht zu falschen Schlüssen führen. Das Bukett, die Summe aller Düfte, ist beim Pinot noir reich, dabei fein ziseliert, geprägt von roten Früchten wie speziell auch von dunklen Beeren, Mandeln, auch Leder, Gewürzen und speziell in der Jugend ergänzt um eine fleischige Note, die an frisches Wild erinnert und von den Franzosen entsprechend „goût animal“ genannt wird. Durch den Ausbau in neuem Holz kommen vanillige Töne sowie Röstaromen à la Kaffee, Toast und Schokolade hinzu. In bestimmten Abschnitten, zumal in der Phase zwischen Jugend und Mittelalter, also etwa vom dritten bis siebenten Jahr, entströmt dem Pinot noir häufig ein seltsames Aroma, das dem feuchten Fell von Wildtieren ähnelt. Dieser ungustiöse Duft löst sich bei großen Weinen bald auf und geht dann in die prachtvolle Hocharomenphase über, die viele Jahre anhält.

Der Geschmack eines reifen Pinot noir ist fruchtbetont, vordergründig in der Jugend, subtil geschliffen im Alter und dann voller Facetten. Alter ist beim Pinot noir ein relativer Begriff. Große Gewächse verfügen über ein ähnlich gutes Lagerpotential wie ein Cabernet Sauvignon – eine Kraft, die allerdings selten ausgenützt wird, denn das Gros der roten Burgunder wird in der Regel viel zu jung getrunken, übrigens auch in Unkenntnis des exzellenten Reifepotentials.

Die kulinarische Macht eines Pinot noir zeigt sich darin, daß er im Solo als Meditationswein ebenso gut schmeckt wie zum Essen. Wir haben den 1996er Gevrey-Chambertin mit zunehmender Begeisterung zu Kalbsbacken getrunken, andächtig und langsam geschmort in einem achtbaren Pinot noir. Ein Wein dieser Klasse ist ein idealer Partner für Wildgerichte, Schmorbraten, Fleischpasteten und schwarze Trüffelgerichte. Ein kleiner Pinot noir ist eine Dürftigkeit, ein großer hingegen ein Genuß. Es ist schon so: Kein anderer Rotwein, ob Cabernet, Syrah, Merlot oder Nebbiolo, nimmt es an fruchtiger Pracht und aromatischer Sinnlichkeit mit einem Pinot noir erstklassiger Herkunft auf. Das sind Weine von ziselierter Fruchtigkeit, tiefer Aromatik und seidiger Finesse, Gewächse, wie sie mein Onkel Franz meinte, als er sagte: „Wenn du so viele Bordeaux getrunken hast wie ich, dann kommst du wieder zum Burgunder zurück.“

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